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Kirchenregion Neubrandenburg

v.l.n.r. Landessuperintendent Kurt Winkelmann †, Pastor Paul-Friedrich Martins †, Andreas Geyer, Dietrich Schneider

Vieles ist gelungen und hat Spaß gemacht

30 Jahre Arbeit in der Diakonie

Es war schon stockdunkel, als ich aus dem Auto stieg. Was mir als erstes auffiel, war der Sternenhimmel. So ein toller Sternenhimmel! Dann irgendwo am Rande eines etwas chaotischen Baugeländes ein kleines Lagerfeuer, an dem zwei oder drei Leute hockten. Das war im September 1988 mein Anfang im Diakoniewerk Mecklenburg (damals noch der offizielle Träger der neu zu errichtenden Einrichtung in Weitin). Wir waren damals sehr stolz, denn es sollte die erste Behinderteneinrichtung in der DDR sein, die durch die Evangelische Kirche neu gebaut wurde. Ob das wirklich stimmte – keine Ahnung – zumindest war es die einzige in Mecklenburg. Aber eines war uns damals allen klar und daran gab es auch keinen Zweifel: Weitin würde etwas ganz Besonderes werden! Heute muss ich manchmal noch daran denken, dass uns diese Überzeugung viele Jahre begleitet, uns immer wieder Kraft gegeben und beflügelt hat. 

Wir Menschen neigen ja dazu, die Vergangenheit zu glorifizieren und schön zu reden. Weitin war in den Anfangsjahren unperfekt, unfertig und mängelbehaftet. Trotzdem hat uns das Bewusstsein getragen, für Menschen mit Behinderung einen besonderen Schutzraum zu schaffen, etwas besser zu machen als in den Einrichtungen, in denen die Bewohner vorher gelebt hatten, und ihnen auf Augenhöhe zu begegnen. Wir haben Kinder aus dem Krankenhaus geholt und für sie eine neues Haus gebaut. Viele meinten, sie seien außerhalb einer Klinik gar nicht lebensfähig. Wir haben sie auf die Wiese in Weitin gelegt und sind mit ihnen in den Urlaub gefahren. Viele von ihnen sind tatsächlich mittlerweile gestorben. Aber sie haben vorher die Sonne und den Wind auf ihrem Gesicht gespürt, und das Gras hat sie an Händen und Beinen gekitzelt.

„Pionierjahre“ haben das manche im Nachhinein genannt. Das stimmt sicher zum Teil. Dazwischen die politische Wende. Alte Strukturen waren weg, neue gab's noch nicht. Keine Kontrollgremien, keine abwertende Unterscheidung in Fach- und Hilfskräfte. Es war nicht die gute alte Zeit, sondern eine kurze historische Episode zwischen den Systemen, die uns für ein paar Jahre eine große Freiheit bescherte. Dass ich diese Zeit in Weitin mit allen, die dazu gehörten, Familie, Weggefährten und Bewohnern, erleben durfte, empfinde ich noch heute als großes Geschenk.

Der Rest ist schnell erzählt. Ich hatte mir vorgenommen, nicht länger als 15 Jahre in Weitin tätig zu sein. Schließlich waren es 18 Jahre. Drei Jahre Bereichsleiter für Alten- und Behindertenhilfe, vier Jahre Bereichsleiter für Altenhilfe – das waren die besonders anstrengenden Jahre - fünf Jahre Einrichtungsleiter für Mildenitz, Woldegk und Burg Stargard. Für mich sehr schöne Jahre mit lieben und kompetenten Menschen, die sich sehr anstrengen und schwer arbeiten, um für Menschen im Alter einen guten und würdigen Lebensabend zu gestalten und für Menschen mit Suchterkrankungen selbstbestimmtes Leben und Teilhabe zu ermöglichen. 

Veränderung ist gut und wichtig im Leben, das habe ich gelernt. Trotzdem ist es ist mir nie leicht gefallen. Ich sitze lieber manchmal auch die Dinge aus. Ich brauche Menschen, die Anstöße und Impulse geben und hatte diese zum Glück in allen Jahren meiner Berufstätigkeit! Solchen Menschen zu begegnen und ihre Begabungen nutzen zu dürfen, ist ein großes Geschenk.

30 Jahre Arbeit in der Diakonie. Vieles ist gelungen und hat Spaß gemacht. Manches ist nicht gelungen und hat trotzdem Spaß gemacht. Manches ist gescheitert. 

Ich schaue dankbar auf die 30 Jahre Arbeit in der Diakonie zurück.
Andreas Geyer

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