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Kirchenregion Neubrandenburg

Du sollst nicht töten

(Die zehn Gebote)

„Lo tirzäch“ – so heißt dieses Gebot im 2. (20,13) und im 5. (5,17) Mosebuch in der hebräischen Bibel:  „Nicht (wirst) sollst du töten/ morden“.
Durch diese Übersetzungsvarianten – „töten“ oder auch: „morden“ – ist ein erstes Problem unseres Gebotes deutlich; unterscheiden wir modernen Menschen juristisch doch streng und grundsätzlich zwischen „Töten“ und „Morden“.

Sodann hat es das Gebot ursprünglich mit dem Töten bzw. Morden von bzw. an Menschen zu tun. Daher war es wohl nie so ganz ernst gemeint, wenn jeweilige Zeitgenossen die Fliegenklatsche in meiner Hand mit den Worten kommentierten: „Ja, dürfen Sie denn das als Christ, für den doch die Gebote gelten!?“

Die Theologen in der Nachfolge Martin Luthers haben das 5. Gebot allerdings schon sehr weitgehend auch in den Alltag hinein gedeutet. In den Katechismen Luthers werden demgemäß auch Worte, Gebärden und Gedanken des Herzens auf das Gebot bezogen; und so ist das Unterlassen des Guten ebenso untersagt, wie das Aussinnen des Gemeinen und die Gedanken von Haß und Schadenfreude. Im Hinblick auf Mt. 25, 31ff heißt es im „Großen Katechismus:“ Ihr hättet mich und die Meinen wohl lassen Hungers, Dursts und Frosts sterben, die wilden Tiere zerreißen, im Gefängnis verfaulen und in Nöten verderben lassen. Was heißt das anders, denn Mörder und Bluthunde gescholten? Den(n) ob du solches nicht mit der Tat begangen hast, so hast du ihn doch im Unglück stecken und umkommen lassen, soviel an dir gelegen ist.“

Ja, „Liebe und Wohltat (sind selbst) gegen unsere Feinde geboten und blanke Rache (ist) von Gott untersagt.“

Noch detaillierter und unter Zuhilfenahme vieler biblischer Zitate verhandelt der „Kleine Katechismus“ unser Gebot und stellt Gottes Willen hier folgendermaßen fest: „Dass wir unsern Nächsten nicht schädigen oder verletzen... (sondern) helfen und fördern in Not unter Einsatz unseres Lebens und als beträfe es uns selbst…“.

Da wir es aber im alltäglichen Leben trotz Gottes Gebot mit der Gewalt des Bösen und mit allerlei Übeltätern zu tun haben, ist ein Gewaltmonopol staatlicher Obrigkeit legitimiert (vgl. auch Röm. 13).
„Darum ist in diesem Gebot nicht eingezogen Gott und die Obrigkeit noch die Macht genommen, so sie haben, zu töten.“ Von dieser Legitimation staatlicher Gewalt ist auch die Existenz von Ordnungskräften, wie Polizei und Militär gedeckt, sofern die staatliche Gewalt selber rechtmäßig und die Einsatzmittel ihrerseits legitim und verhältnismäßig sind.

„Grenzfälle des Tötens“ (z.B. Suizid, Abtreibung, Tyrannenmord…) fordern stets die sehr eigene Gewissensentscheidung des Einzelnen heraus. Solche Grenzfälle lassen sich demzufolge nie restlos durch juristische Maßgaben regeln. Auch die Todesstrafe etwa stellt einen ethischen Grenzfall dar; dabei liegt hier m. E.  durchaus eine ethische Grenzüberschreitung vor.

Ethisch und theologisch eben noch nicht wirklich geklärte Handlungszusammenhänge scheinen mir  der „assistierte Suizid“ (wenn alles technisch machbar ist, warum nicht schließlich auch der eigene Tod…) und „Tötung von Terroristen“ (Extremisten wie „IS“ und Al Kaida haben dieses Thema sehr aktuell auf die ethische Agenda gesetzt).

Es wird hier deutlich, dass die Ethik des 5. Gebots durchaus lebendig ist und das Gespräch von Realität, Glauben und Gewissen nicht aufhört.

Christian Finkenstein

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