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Kirchenregion Neubrandenburg

Ein Gedenkbuch besonderer Art – Das Biografien-Projekt

Am 19. Oktober 1947 erhielt der Oberkirchenrat in Schwerin ein eineinhalbseitiges Schreiben aus Hamburg-Flottbeck. Herr H. bat darin dringend um Unterstützung beim Wiederauffinden seines Sohnes Manfred, der seit einem halben Jahr vermisst werde. Zuletzt sei er am 14. April 1947 beim Überqueren der Zonengrenze gesehen worden. Manfred sei an diesem Tag von den Russen wegen Waffenbesitzes zu fünf Jahren Haft verurteilt worden, seitdem habe man von ihm nichts mehr gehört. Ob man in Schwerin die geeignete Stelle wisse, bei der man Informationen über den Verbleib des 19jährigen Sohnes erhalten könne?
Briefe wie diese gingen in diesen Monaten viele an den Oberkirchenrat, die Landessuperintendenten und Pastoren in der Landeskirche. Verzweifelte, dringende Bitten um Unterstützung durch die mecklenburgische Kirche in der SBZ und späteren DDR. Was aus Manfred H. wurde, geht aus den Akten im Landeskirchlichen Archiv Schwerin nicht hervor. Aber in vielen anderen Fällen geben sie detailliert Aus-kunft über die Schicksale Einzelner, deren Lebenswege oft unumkehrbar von politischen Ereignissen tangiert wurde.

Gertrud Heydemann

Auch Menschen aus Neubrandenburg und Umgebung werden im Biografienprojekt portraitiert. So beispielsweise Gertrud Heydemann, die im Januar 1956 im Kontext einer DDR-weiten Aktion verhaftet wurde. Heydemann war Leiterin der Neubrandenburger Bahnhofsmission und wurde zusammen mit ihren Kolleginnen aus Greifswald, Bad Doberan, Wismar, Berlin, Leipzig und anderswo der Spionage für die Bundesrepublik Deutschland bezichtigt. Hintergrund war die Tatsache, dass die Bahnhofsmissionen noch eine gesamtdeutsche Zentrale in West-Berlin hatten, die sich in Berlin-Steglitz  befand und von der DDR-Staatssicherheit als geheimdienstliche Tarnorganisation betrachtet wurde.             (BStU, MfS, AU 254/56, Bd. 23, Bl. 6.)
Im April 1956 wurde Heydemann überraschend entlassen. Bis dahin hatte das Ministerium für Staatssicherheit 68 Ordner mit angeblich belastendem Material über sie und ihre Kollegen und Kolleginnen gesammelt.
Heydemanns Kurzbiografie gehört zu einer Sammlung von 150 Biographien aus dem Kirchenkreis Mecklenburg, die - regional geordnet nach den Propsteien – zusammengestellt wurden, sodass man in Teterow, Parchim, Bad Doberan usw. lesen kann, wie dort 45 Jahre SBZ und DDR die Menschen geprägt haben. Stichdaten waren der 9. Mai 1945 und der 2. Oktober 1990, das Gedenkbuch umfasst also Lebensberichte aus 45 Jahren ostdeutscher Nachkriegsgeschichte.
Ob es die Bodenreform 1945-1948 oder die Kollektivierung ab 1952 war, die Drangsalierung christlicher Schüler*innen und Student*innen seit 1952/ 1953 bis Ende der 1980er Jahre, die Inhaftierung und Verurteilung von Bausoldaten und Wehrdienstverweigerern seit den sechziger Jahren oder die Behandlung von Antragstellern auf Ausreise in den achtziger Jahren – die 150 Texte ermöglichen einen sehr genauen und nüchternen Blick auf das Leben in der DDR und laden zum Gespräch in den Gemeinden ein.
Rahel Frank

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