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Kirchenregion Neubrandenburg

Das Gebet des Herrn – das Vaterunser

In den nächsten Ausgaben des Gemeindebriefes werden wir uns intensiver mit dem Vaterunser beschäftigen.

Während meines Studiums lebte ich in Marburg in einem Wohnheim zusammen mit Menschen mit Behinderungen. Neben mir wohnte eine junge Frau, die nach einem Reitunfall sehr große Mühe hatte, ihre Bewegungen zu koordinieren und das Gehen so langsam wieder zu erlernen. Eines Tages verbreitete sich im Wohnheim die Nachricht, dass sie sich das Leben genommen habe. Wir übrigen Bewohner des Flures versammelten uns abends im Gemeinschaftsraum und niemand wusste vor Betroffenheit etwas zu sagen. Die Gemeinschaft drohte sich aufzulösen bis ich sagte, ich sei mit Nadja manchmal im Gottesdienst in der benachbarten Lutherkirche gewesen und ich würde mit euch gerne ein Vaterunser beten. Dieses Gebet hat uns damals geholfen, die Situation erträglich zu machen. Plötzlich gab es Worte, die wir sprechen konnten und in diese Worte konnten wir alle das legen, was uns schwer auf dem Herzen lag.

Es gibt Situationen im Leben, da finden wir keine eigenen Worte, dann ist es gut, wenn wir auf das zurückgreifen können, was Jesus uns gegeben hat. In der Bergpredigt hat er seine Jünger gelehrt zu beten, offensichtlich aus ganz konkretem Anlass. Er hat die Erfahrung gemacht, dass manche Menschen sich brüsten und mit ihren Gebeten zeigen wollen, dass sie sich Eindruck verschaffen wollen, wenn sie möglichst viele Worte dazu machen. Nein, das ist nicht nötig, sagt uns Jesus: „Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist... Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet.“ (Mt. 6)

Wer betet, ist nicht allein! Ich begegne vielen Menschen, die allein sind, weil sie niemanden mehr haben. Einige von denen sind auch einsam. Aber viele von diesen Menschen finden im Gebet Trost und Hoffnung. Das Gebet hilft ihnen, mit ihrer Lebenssituation umzugehen. Da ist jemand, mit dem kann ich reden, der mich versteht. Da ist jemand, dem ich vertrauen kann, dem ich das anvertrauen kann, was ich keinem anderen Menschen anvertrauen würde. Das Gebet eröffnet uns eine Dimension des Menschseins, die anderen Menschen, die das nicht können, verschlossen bleibt. Wenn ich mit und für andere Menschen bete bei meinen Besuchen in der Gemeinde, dann mache ich sehr häufig die Erfahrung, dass das Gebet eine große Wirkung hat. Da werden oft schon während des Gebetes die Taschentücher hervorgeholt, und auch nach dem Amen und dem Segen geht es nicht gleich alltäglich weiter. Die Menschen sind berührt und betroffen vom Gebet.

Kann man das Beten lernen? Eine Frau aus unserer Gemeinde sagte ganz klar: „Das Beten lernt man durch das Beten“. Es ist wie mit dem Fahrradfahren! Auch das haben wir nur gelernt, indem wir es getan haben! Manchen fällt es dabei schwer, eigene Worte zu finden, anderen fällt es leichter. Aber darauf kommt es nicht an! Wichtig ist, dass wir beten und wenn wir keine eigenen Worte (mehr) haben, dann können wir getrost auf das Gebet zurückgreifen, das uns Jesus gegeben hat.

Denn im Gebet verändert sich unser Menschsein, indem es Nähe schafft zu Gott, unserem Vater, eine ganz persönliche Nähe und Bindung. Ich weiß, dass mich jemand begleitet durch mein Leben, dass ich getragen und geborgen bin. Und dieses Vertrauen wird durch das regelmäßige Beten gestärkt, und dieses Vertrauen stärkt mich für mein Leben.

Ralf von Samson

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