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Kirchenregion Neubrandenburg

„Dein Wille geschehe“

Thema: Vaterunser

Über den menschlichen Willen ließe sich diskutieren und debattieren, philosophieren und theologisieren. Erziehungswissenschaftler und Betriebswirtschaftler, Juristen und Sozialpädagogen, Eltern, Kinder, Jugendliche und Erwachsene, Bürger und Machtmenschen, Chefs und Angestellte und und und. Alle betrifft die Frage nach dem Willen!
Von Kindheit an sind wir mit der Frage des menschlichen Willens konfrontiert. Jedem wird ein Satz (oft auch ein blöder Satz), ein Sprichwort oder eine Erfahrung einfallen. „Des Menschen Wille ist sein Himmelreich“….
Die Freiheit der eigenen Entscheidung ist ein hohes Gut, für manchen hat dies eben den Stellenwert seines Himmelreiches.
Umso widerspenstiger mutet die Bitte Jesu im Vater Unser an „Vater im Himmel, Gott, dein Wille geschehe!“
Ja, es ist eine äußerst schwere Bitte, die dort ausgesprochen wird. Diese Bitte Jesu, die er uns in seinem Gebet aufzeigt, entfaltet eine große innere Tiefe, wenn wir uns auf diesen Satz wirklich einlassen.
Da ist die Demut, nicht als schön formuliertes Synonym für Mutlosigkeit, sondern als eine Haltung des Herzens, als Haltung des Menschseins. Nicht MEIN Wille, MEIN Ego, MEINE Vorstellungen stehen im Mittelpunkt und alles andere kreist um dieses Ego, wie die Erde um die Sonne, sondern, wie wir es aus der Natur kennen, möge sich auch unser menschlicher Wille in Gottes Gedanken einfinden und einordnen.
Natürlich ist diese Bitte auch äußerst ambivalent und sehr schwer. Sie bringt uns Menschen an den  Rand, ja an die Grenzen unserer Existenz. Denn wie soll, wie kann ich einem Gott mit seinem Willen vertrauen, wenn wir das, was geschieht, oftmals weder verstehen können, noch akzeptieren wollen oder können?
Wir stehen oft vor der Frage: Ist das Gottes Wille? Oder: Was ist denn Gottes Wille? Und diese Fragen sind wahrhaft schwierig und komplex.
Wie betet ein kranker Mensch diese Bitte? Wie betet ein Mensch diese Worte, der persönlich unverschuldet tiefes Leid erfährt? Ich warne sehr vor schnellen Antworten. Und ich habe großes Verständnis für das Unverständnis in diesen Fragen. „Ist das Gottes Wille?“ „Kann so etwas Gottes Wille sein?“
Wir werden damit leben (müssen), dass wir die Fragen um Gottes Willen nicht detailliert für jede Lebenssituation eindeutig beantworten können und werden.
Deshalb ist dieser Gebetssatz weit mehr als die Bitte um Erfüllung eines an Gott gerichteten Wunsches.
Es geht viel mehr um unsere eben schon genannte Herzenshaltung. Mit diesem Satz spreche ich Vertrauen aus. Mit dieser Bitte akzeptiere ich, dass Gott für mich auch in der Unverständlichkeit größer ist, als ich Mensch in meiner Begrenztheit verstehen kann.
Dieser Satz im Gebet Jesu ist wohl eine Bitte. Aber mehr noch zeigt sich in dieser ausgesprochenen Bitte, eine - ja meine Haltung Gott gegenüber. 

Pastor Jörg Albrecht

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