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Kirchenregion Neubrandenburg

Michael Steinsiek

Der Herbst 89 aus Münchener Sicht

Ein Interview mit Michael Steinsiek, geb. 1949. Er war im Herbst 1989 Leiter des Jugendamtes in Erding bei München. Über „Pax Christi“, eine katholische Friedensorganisation, hatte er zu DDR-Zeiten ökumenische Kontakte nach Erfurt. Von dort gab es Kontakte zur Umweltbibliothek in Berlin. Heute ist er Prädikant und Mitglied im KGR von St. Michael. 1993 kam er mit seiner Familie von München nach Neubrandenburg. Zuletzt war er bis 2012 Leiter des Landesjugendamtes MV in Neubrandenburg.

Woran erinnerst du dich persönlich im Herbst 1989.
Ende August/ Anfang September war ich bei Bekannten in Westberlin, von dort aus war ich das erste Mal in Ostberlin. Erinnerungen habe ich an die Gefühle des Grenzübertritts in Friedrichstraße. Es waren an der Grenze eher Gefühle von Befürchtungen, in der Stadt habe ich wenig von den anstehenden Veränderungen gespürt.

Wie haben die Ereignisse vom Herbst 89 in München ihren Widerhall gefunden?
Wir haben es mitbekommen, dass Menschen aus der Umweltbibliothek verhaftet wurden.
Die Montagsdemos haben wir nur als marginales Ereignis aus den Nachrichten mitbekommen. Wir hatten nie gedacht, dass sich etwas ändern wird. Deshalb haben wir es - anders als 1980 in Polen - gar nicht so ganz ernst genommen. Die politischen Blöcke waren für uns einfach zu fest, zu statisch.

Was war dein persönliches Herbst-Wendeerlebnis?
Am 10. November kam ich zu einem Bekannten, der mir erzählte, dass die Mauer auf ist. Ich war wie perplex. Ich hätte niemals gedacht und es für möglich gehalten, dass sich diese Teilung zu meinen Lebzeiten überwinden ließe.
Ich bin mit der Teilung Deutschlands groß geworden. Der Mauerbau hat mir deutlich gemacht, dass es zwei sehr unterschiedliche deutsche Staaten, mit sehr unterschiedlichen Machthabern und Systemen gibt.

Was bewog dich in den Osten zu kommen? Warum Neubrandenburg?
Über die Kontakte zur offenen Arbeit der Friedensbewegung hatte ich Interesse an den Menschen im Osten Deutschlands bekundet, ich hatte großes Interesse, die Lebensweise und Ansichten dort kennen zu lernen.
Ein Freund sagte mir, wenn du in den Osten willst, geh nach Mecklenburg, dort ist es am schönsten. Nach Neubrandenburg kam ich über eine überregionale Stellenausschreibung für eine Stelle im Landesjugendamt.

Was waren deine ersten Eindrücke?
Ende 1992 fuhren wir nach Neubrandenburg zum Gucken und zum Reden. Das Gespräch mit der damaligen Leiterin empfand ich als sehr interessant.
Um uns herum war ganz viel grau. Die Gaststätten waren am Sonntagabend um 19 Uhr alle dicht, das kannten wir aus München nun gar nicht. In einem Restaurant an einem anderen Ort waren wir fasziniert von der Natur, den Graugänsen und den vielen Seen.
Am Anfang war es eher die Umgebung der Stadt, die uns begeistert hat, im Laufe der Zeit kam die Stadt selbst hinzu.
Ich war sehr beeindruckt, von den Erlebnissen der Christen in den Gemeinden. Dass die Menschen für ihren Glauben einstanden und trotz Widrigkeiten glaubten, hat mich fasziniert. So was kannte ich sonst nur von Erzählungen aus dem Dritten Reich.
Wir hatten das Gefühl, dass die Gemeinden hier irgendwie mehr Lebendigkeit ausstrahlten, als wir es von zu Hause kannten.

Welcher Gedanke ist dir heute im Rückblick wichtig?
Bei und trotz allen Veränderungen möchte ich nicht zurück. Neubrandenburg ist für mich zur neuen Heimat geworden.

Das Gespräch führte Pastor Jörg Albrecht an einem der kühleren Augusttage.

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