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Kirchenregion Neubrandenburg

Der Türzieher von Sankt Marien in Neubrandenburg

Bild: Der Türzieher in seiner
ursprünglichen (Gipsabguss)
und heutigen Gestalt. Beide
Stücke sind bedeutende Exponate
in der Stadtgeschichtsausstellung.
Fotos: Regionalmuseum Neubrandenburg

Es gibt wohl kein anderes Gebäude in Neubrandenburg, das wie die Marienkirche die Geschichte der Stadt so eindrucksvoll widerspiegelt. Der altehrwürdige Bau steht beispielhaft für Entstehung - Zerstörung - Erneuerung. Aufgrund der wechselvollen Historie sind aus der Frühzeit des spätgotischen Gotteshauses nur wenige Ausstattungsteile überliefert. Unter ihnen befindet sich ein bronzener Türzieher, der wegen seiner speziellen Gestalt zum wertvollen Bestand spätmittelalterlicher Bildhauerkunst in Norddeutschland zählt. Derartig hochwertig gestaltete Handhaben, meist in Löwenkopfform, zierten gewöhnlich sakrale oder weltliche Gebäude mit gehobener Bedeutung. Die Neubrandenburger Ausführung stammt mit großer Wahrscheinlichkeit aus der Werkstatt von Johann Apengheter, einem bekannten Bildhauer und Erzgießer aus Lübeck. Im stilistischen Vergleich mit seinen Arbeiten entstand der Türzieher um 1350. Die 19,2 cm hohe und 16 cm breite Plastik war ursprünglich am Südostportal der Marienkirche angebracht. Hier erlitt die Bronze beim großen Stadtbrand am 29. April 1945 einen irreparablen Schaden. Infolge der starken Hitzeeinwirkung von ca. 1000 °C löste sich die linke Partie der Figur größtenteils auf.
Der Türzieher besteht aus einer schildförmigen Grundplatte, auf der trophäenhaft ein Eberkopf sitzt. Die Gesichtszüge des Borstentiers sind sorgfältig herausgearbeitet. Der vorstehende Rüssel sowie das weit aufgerissene Maul verleihen dem Bild insgesamt gesehen eine hohe Plastizität. Die lebendige Szenerie nutzend, arretieren die kräftigen Hauer die vierkantige Ringhandhabe. Für die Anbringung am Türblatt dienten zwei Nagellöcher an den Ohrspitzen. Das Bildnis komplettiert ein auf dem Schild befindlicher Schriftzug.

+ ich heyte . herman . ram + ich . byn . tam . zam . eyn . lam . amen +
Die Erklärung: „ich heiße Herman Ram, ich bin zahm wie ein Lamm, amen“
ist ein geistliches Gelöbnis.

Derartige Mitteilungen sind in der Regel Bußleistungen. Sie sind verwandt mit den sogenannten „Sühnesteinen“, die betuchte Straftäter im Mittelalter zur Wiedergutmachung aufstellen mussten. In diesem Sinne war Herman Ram ein in Ungnade gefallener Adliger, der im Wappen einen Eberkopf trug. Offenbar verweist eine alte, mit dem Türzieher verbundene Sage indirekt auf den Fall. Laut ihrer Überlieferung richtete ein wütender Eber auf der Neubrandenburger Feldmark großen Schaden an. Es ist durchaus denkbar, dass mit dem Untier Herman Ram gemeint ist. Folgt man dieser Deutung, dann war er ein Raubritter, der die Bürger arg bedrängte. Als im Fortgang der Geschichte Bewaffnete dem Friedbrüchigen nachsetzten, flüchtete er in die Marienkirche. Dort warf er sich vor dem Marienbild nieder und wurde von Stund an „fromm wie ein Lamm“. Die Kirche bot dem Reumütigen Schutz, der wohl aus Dankbarkeit für seine Rettung den Türzieher stiftete.

Rainer Szczesiak, Roga

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