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Kirchenregion Neubrandenburg

Luther in Lebensgröße

Ein Bildnis des Reformators Martin Luther in der Johanniskirche

Vor zwei Jahren wurde der 500jährige Beginn der Reformation im römisch-deutschen Reich feierlich begangen. Auslöser des epochalen Ereignisses war der Augustiner-Eremitenmönch Dr. Martin Luther, der als Dozent für Bibelkunde an der Wittenberger Universität mit 95 Thesen den kirchlichen Ablasshandel kritisierte. Nach Verbreitung der Streitschrift kam es 1519 in Leipzig zum Schlagabtausch mit dem papstreuen Gelehrten Johannes Eck. Erst zu diesem Zeitpunkt wandte sich Luther gegen die römische Kirche, da er den traditionellen Führungsanspruch des Papstes sowie die Unfehlbarkeit von Konzilien ablehnte. Mit diesem Bekenntnis wurde Luther vom Reformator zum Wegbereiter des Protestantismus, der evangelischen Konfession.

Aus Dankbarkeit für die großen Verdienste ehrten ihn seine Anhänger später durch figürliche Darstellungen. Ein imposantes Ölgemälde, das Luther in Lebensgröße zeigt, hängt in der Johanniskirche. Die Herkunft des vermutlich im 17. Jahrhundert gefertigten Bildes ist unbekannt. Gemäß der frühneuzeitlichen Erinnerungskultur bekundet ein oberhalb des Rahmens angebrachter Ziergiebel in Goldschrift die persönlichen Daten des Klerikers. Zu lesen ist: Standbild - Des großen, frommen Gottesmanns und Reformators Herrn Martin Luthers, weiland Docktors der Heiligen Schrift, und Professors in Wittenberg; geboren zu Eisleben 1483 am 10 ten Novembers, und gestorben ebendaselbst 1546, am 18 teñ Februar.
Das Bild wird durch die kräftige Gestalt Luthers dominiert. Bekleidet ist er mit dem für die Zeit typischen Lehrergewand, das man im 19. Jahrhundert zur verbindlichen Amtstracht der evangelischen Pastoren bestimmte. Der Reformator steht in einem Raum mit Fenster, einem Tisch zugewandt, auf dem sich ein geöffnetes Buch sowie ein Kruzifix befinden. Über der altargleichen Ablage hängt ein geraffter blauer Stoffbaldachin, der das selige Himmelreich Gottes verheißt. Eine besondere Verbindung besteht zwischen Luther und dem vor ihm liegenden Buch, welches auf seine große Leistung der Bibelübersetzung Bezug nimmt. Mit beiden Händen deutet er auf die christliche Heilsbotschaft, die Quelle seines Glaubens. Demgemäß verkünden die Buchseiten: (links) Glaubet an das Evangelium S. Marci - Eine feste burg ist unser Gott, Ein guter wehr und waffen: Er hilft uns frey aus aller not die uns jetzt hat betroffen und (rechts) Ists Gottes Werck so wird's bestehn, ist Menschen werck so wirds unter gehen. D. M. Luther
Die verzierte Wand im Hintergrund schmückt ein mit Kreuz und flammendem Herz besetztes Wappen. Es unterstreicht die glühende Verehrung Luthers für die heilige Schrift. Auf der Wappenkartusche steht ein weißer Schwan, der nochmals, deutlich hervorgehoben, im unteren Bildfeld dargestellt ist. Der Schwan bezieht sich sinnbildlich auf den tschechischen Reformator Jan Hus, den Luther sehr verehrte und letztendlich feststellte: Wir sind alle Hussiten, ohne es gewusst zu haben. Der Legende nach prophezeite Hus vor seiner Verbrennung als Ketzer in Konstanz 1415: Heute bratet ihr eine Gans [Hus heißt auf tschechisch Gans], aber aus der Asche wird ein Schwan entstehen. Johannes Bugenhagen machte das Gleichnis in der Leichenpredigt für Luther populär. Daraufhin entwickelte sich der „Lutherschwan“ zum Symbol der Protestanten, die ihn u.a. als religiöses Kennzeichen auf Kirchturmspitzen anbrachten.                                   

Text: Rainer Szczesiak, Roga;
Foto: Ralf von Samson

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