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Kirchenregion Neubrandenburg

Ein geschichtsträchtiger Abendmahlskelch
aus der Neubrandenburger St. Marienkirche

In den christlichen Gemeinschaften zählen Kelche, je nach Gestalt auch Becher oder Pokal genannt, für die Abendmahlsfeier zu den wichtigsten Sakralgefäßen. Wegen der hohen geistlichen Bedeutung der gottesdienstlichen Handlung nutzten die Gläubigen bereits ab dem Frühmittelalter vorwiegend reich ornamentierte Edelmetallkelche. Beispielsweise besaßen die Brüder des Neubrandenburger Franziskanerklosters in der Reformationszeit 12 teilweise vergoldete Silberkelche. Der Stadtrat beschloss nach der Aufhebung des Konventes, dass drei von ihnen für den Kirchenbetrieb in der St. Johanniskirche verbleiben sollten. Die übrigen Stücke wollte man zusammen mit weiteren Silberobjekten für die Finanzierung eines Hospitals und Armenhauses am Ort verkaufen. Die vier klosterzeitlichen Kelche haben die Wirren der Zeit nicht überstanden.

Heute besitzt die St. Johannisgemeinde sechs historische Kelche, die dem Zeitraum vom 17. bis zum 19. Jahrhundert angehören. Fünf von ihnen bestehen aus Silber und einer aus Zinn. Die mehrheitlich aus St. Marien stammenden Gefäße wurden nach dem Verlust des Gotteshauses 1945 Eigentum des neuen evangelisch-lutherischen Kirchenzentrums der Stadt in St. Johannis.
Aus dem vielfältigen Kircheninventar sticht der älteste Kelch von 1634 wegen seiner prachtvollen Erscheinung und Symbolik deutlich hervor. Der 22 cm hohe Kelch ist noch in typisch gotischer Manier gefertigt. Dementsprechend besitzt er einen breiten Fuß (lat. pes), einen Schaft (lat. stilus) mit Knauf (lat. nodus) und eine Schale (lat. cuppa). Das Gesamtdesign zeigt ein wohlproportioniertes Trinkgefäß, das sich in dieser Gestalt vom Spätmittelalter (ca. 1250-1550) bis weit hinein in die frühe Neuzeit (ca. 1550-1800) großer Beliebtheit erfreute. Charakteristisch für das Stilempfinden dieser Epoche war die Verwendung architektonischer Formelemente monumentaler Kathedralen. Der reich verzierte Fuß besitzt eine Sechspassgliederung. Unter dem Boden steht: IN ST. MARIEN KIRCHE. Zudem ist hier je ein Beschau- und Meisterzeichen angebracht, die den hohen Qualitätsstandard der Goldschmiedearbeit garantierten. Die blattförmig vom Fuß aus aufsteigende Handhabe übernimmt versetzt die sechsfache Flächeneinteilung. Es folgen vertikal schematisiertes Gitterwerk, Absätze und Rechteckbilder mit Blumendarstellungen. Darüber folgt der stark gegliederte, wiederum floral verzierte Knauf. Auch er ist ein Informationsträger. Auf den einzelnen Flächen sind rautenförmige Nagelköpfe (lat. rotuli) plastisch angedeutet. Die kleinen Aufsätze enthal-ten Buchstabengravuren. Die Beschriftung lautet insgesamt gelesen: I H E S U S. Über dem Knauf ist die Jahreszahl: ao 1634 angegeben. Oben auf dem Stiel sitzt eine vergoldete Schale. Ihr Unterteil trägt einen durchbrochenen Überfang, verziert mit Engeln, Rankenwerk und Punkten. Von den Zierelementen eingerahmt steht hier durch Beschädigung lückenhaft: B . GREGORIUS TOPPE ANI - - RVSEN . ANNO 1634. Laut der Inschrift stiftete der Neubrandenburger Richter und Ratsherr Georg Toppe den Kelch während des 30jährigen Krieges. Es ist bemerkenswert, dass seine Finanzierung drei Jahre nach der verheerenden Plünderung der Stadt durch die kaiserlichen Truppen unter Tilly möglich war. Mit der Schenkung wurde vermutlich geraubtes Kirchengut ersetzt.

Text und Foto: Rainer Szczesiak, Roga

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