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Kirchenregion Neubrandenburg

Eine neue Lutherübersetzung – muss das sein?

Bitte ergänzen Sie: „Der Herr ist mein Hirte, mir...“ oder „Es begab sich aber zu der Zeit, dass...“. Viele unserer biblischen Texte sind uns tief vertraut. Wir lieben diese Sprache, kennen viele Texte auswendig und stehen damit in einer langen Tradition von lutherischen Gottesdiensten und persönlicher Bibellese. Luthers Satzmelodien, seine Wortwahl und seine Sprachgewalt haben sich tief in unser Gedächtnis eingegraben. Und nun soll es eine neue Lutherübersetzung geben? Werden wir den 23. Psalm oder die Weihnachtsgeschichte neu lernen müssen? Werden wir bei den gottesdienstlichen Lesungen staunend aufmerken, weil der Text der Lesung scheinbar nicht mehr stimmt?

Was würde Luther dazu sagen? Vielleicht: „Die Mutter im Hause, die Kinder auf der Gasse und der gemeine Mann auf dem Markt sollten doch merken, dass man deutsch mit ihnen redet.“ Hat Luther den Menschen nicht aufs Maul geschaut und so geredet, dass sie ihn verstehen können? Ist dies nicht auch unsere Aufgabe als Verkünder der guten Botschaft? Muss dies in einer Sprache geschehen, die vielen Menschen nicht sehr eingängig ist?

Zwischen diesen beiden Polen: Bewahrung der alten Tradition und all des Guten, das damit tradiert wurde, und der Herausforderung, verstanden zu werden, musste sich die Revision des Luthertextes stellen. Sprachlich einfache und leicht verständliche Bibelübersetzungen gibt es genug. Das war nicht das Ziel dieser Revision.

Der Luthertext selbst wurde schon zu Luthers Lebzeiten ständig revidiert, verbessert und angepasst. Luther selbst suchte immer wieder dem Original in der Übersetzung möglichst nahe zu kommen. Aus nachfolgenden Generationen haben dann einzelne Verlage an dem für sie besten Luthertext gearbeitet, so dass es im 19. Jahrhundert elf verschiedene Luthertexte in Deutschland gab. 1892 gab es eine erste kirchenamtliche Fassung, die aber schon bald wegen der altertümlichen Rechtschreibung in der Kritik stand, und ab 1912/13 gab es dann in den deutschen Landeskirchen einen einheitlichen Luthertext. Die alten Bibelausgaben in Ihrem Bücherschrank bewahren diesen. Aber der Abstand zwischen gesprochenem Wort und dem Wort der Bibel blieb, so dass es immer wieder Überlegungen gab, diesen zu verringern. Unsere jetzige Lutherbibel geht auf eine Revision von 1984 zurück. Sie ist inzwischen über dreißig Jahre alt. Nun hat sich im Laufe der letzten Jahrzehnte unser Verständnis des Hebräischen stark verbessert. Manches ist, wie es in der Lutherbibel steht, schlichtweg falsch aus dem hebräischen Text wiedergegeben. Luther kannte viele griechische Handschriften nicht, die uns heute zur Verfügung stehen und manche Texte besser bezeugen als der Text, der Luther zur Verfügung stand. Hier musste vorsichtig geändert werden, damit der ursprüngliche Sinn der Heiligen Schrift bewahrt bleibt.

Manche Veränderung kehrt nun zur alten Lutherübersetzung zurück, weil sie philologisch genauer war und heute noch gut verständlich ist. Ps. 42,2 gehört zu dieser Kategorie. Die Fassung von 1984 berücksichtigte nicht, dass in beiden Vershälften dasselbe hebräische Verb verwendet wird: „Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir.“ Luther und seine Berater hatten korrekter übersetzt: „Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser…“ Die starke Metapher vom Schrei nach Gott verträgt es sicher, dass der Vergleich mit dem schreienden Hirsch etwas hinkt.

Die Anrede „liebe Brüder“, die sich in den Briefen an ganze Gemeinden richtet, die aus Frauen und Männern bestanden, wird nun häufig zu „Brüder und Schwestern“ erweitert, weil dies im griechischen Original beinhaltet ist. Allerdings wird es in der Revision bei der „Bruderliebe“ und der „Brüderlichkeit“ als Metaphern bleiben.

Die Revision 2016 wird an vielen Stellen den Ausgangstext nach dem gegenwärtigen Stand der Wissenschaft genauer wiedergeben. Sie wird zugleich die erste sein, die bewusst an zahlreichen Stellen zum Wortlaut des Wittenberger Teams von 1545 zurückkehrt. Insgesamt stimmen ca. 95 % des Wortlauts der neuen Lutherübersetzung mit der alten wortwörtlich überein. Es gibt also keinen Grund, sich vor der neuen Lutherübersetzung zu fürchten! Und ich bin mir sicher, dass dies nicht die letzte Überarbeitung unseres geliebten Luthertextes sein wird.

Pastor Ralf von Samson

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