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Kirchenregion Neubrandenburg

Eine weitgereiste Oblatendose aus St. Johannis

Im Bestand der Johannisgemeinde befindet sich ein historisch interessantes Sakralgefäß. Es dient zur Aufbewahrung der geweihten Hostien und wird als Altargerät neben dem Kelch und der Patene (Teller/Schale) im Kirchendienst für die Spendung der Kommunion eingesetzt. Entsprechend dieser zentralen geistlichen Bedeutung innerhalb des Christentums besitzt das aus Silber gefertigte und teilweise vergoldete Prachtbehältnis eine zylindrische Form, die vereinfacht an die Rotunde über der Grabeskirche in Jerusalem erinnern soll.

Aufgrund dieser hohen Wertschätzung wurde das Deckelgefäß reich dekoriert. Der röhrenförmige Grundkörper hat einen abgesetzten Fuß sowie eine mehrfach gestufte Randversteifung. Auf den Flächen sind mittels Gravur oder Tremolierstich meisterhaft Musterbänder mit floralen und geometrischen Motiven eingearbeitet. In den Aussparungen der umlaufenden Ornamentstreifen sind zwei Wappenschilde eingefügt; eines trägt die Buchstabenkombination PSt und das andere ein Vogelbein mit vier Krallen. Die Bedeutungen beider Signets sind unbekannt. Im Fall des Schriftzeichenemblems wird vermutetet, dass es sich um die Meistermarke des Herstellers handelt. Der massive Deckel besitzt einen flachen Rand sowie ein aufgewölbtes Mittelteil. Auf dem seitlich befindlichen Scharnier, oberhalb des bandförmigen Henkels, ist ein vollplastisches Engelsköpfchen mit Flügeln angebracht. Der kunstvoll gestalte Aufsatz war nicht nur ein schmückendes Beiwerk, er diente vor allem zur sicheren Handhabe des Behältnisses während der rituellen Handlung. Gegenüber diesem Funktionsteil befindet sich ein verzierter Riegel. Das auf dem Deckel ausgeführte Zierwerk hebt die geistliche Strahlkraft der Dose nochmals deutlich hervor. Die Darstellung zeigt in einem Ehrenkranz das Lamm Gottes (Christus/ Erlöser), das ein Kreuz mit Banner (Auferstehung) hält und dem Abendmahlskelch (ewiges Leben) zugewandt ist. Die Verzierungen sind stilistisch typisch für die Spät-renaissance (ca. 1530 bis 1630). In diese Zeit datiert die älteste, ursprüngliche Inschrift, die auf dem flachen Rand in zwei Kreisen steht; innen: TATO · NADOBKA · GEST · VDIELANA · PAMATKV · DIITER · CZTI · HODNEHO ·KNIEZE · PETRA und außen: NEPOMVCKEHO · A · ANNI · MANZIELKI · GEHO · LETA · 1587 · WMOR.  Die in tschechischer Sprache verfasste Widmung besagt, dass „dieses Gefäß eine Schenkung ist, die zur Erinnerung an Dieter Czti ge-geben wurde, einem würdigen Priester, von Peter Nepomuk und Anni Manzielki Geho, Sommer 1587.“ Damit wird deutlich, dass die Oblatendose mit großer Wahrscheinlichkeit eine Goldschmiedearbeit aus Böhmen ist. Später wurden die beiden Namen THOMAS MARKWART und BARBARA WILTBERGIN auf der Kranzinnenseite hinzugetragen. Sie verweisen auf einen weiteren personengebundenen Bezug, der hier zeitlich und räumlich nicht gedeutet werden kann. Letztlich gelangte die Dose durch Angehörige der angesehenen Bürgerfamilie Siemerling nach Neubrandenburg, wo sie der St. Johanniskirche übereignet wurde. Den Beweis dafür liefern die Inschriften auf der Deckelinnen- und der Bodenunterseite. Dort stehen: (D) Ottilie Siemerling geb. Lüders 1894 und (B) Dr. V. Siemerling + 1.1.1879. Folglich hat Ottilie Siemerling das Gefäß zum 15. Todestag ihres Ehemanns der Kirchgemeinde gestiftet. Viktor Siemerling war ein geachteter Arzt und Geschäftsmann. Zu seinem Freundeskreis zählte u. a. der niederdeutsche Dichter Fritz Reuter. Wegen der herausragenden wohltätigen Einstellung der Familie begründete der Neubrandenburger Dreikönigsverein 1994 den Siemerling-Sozialpreis, mit dem gemeinnützig tätige Personen oder Gruppen jährlich für ihre engagierte Arbeit ausgezeichnet werden.

Text: Rainer Szczesiak, Roga

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