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Kirchenregion Neubrandenburg

Andrea del Castagno, Königin Ester, um 1450

Ester – ein biblisches Buch mit oder ohne Gott?

Mit der Betrachtung der biblischen Geschichte um Ester können Sie ein kleines Experiment machen: Schlagen Sie die Lutherbibel auf und lesen Sie das Buch, dann werden Sie entdecken, dass nicht ein einziges Mal Gott erwähnt ist. Haben Sie hingegen die in der katholischen Kirche gebräuchliche Einheitsübersetzung in der Hand, werden Sie dort z.B. ein Gebet des Mordechai finden, das sich ganz klar und eindeutig an Gott wendet. Nicht nur diese Beobachtung macht dieses biblische Buch interessant. Die Übersetzungen nehmen verschiedene Grundlagen: Der Luthertext beschränkt sich auf die hebräische Bibel, die Einheitsübersetzung nimmt Teile hinzu, die nur die griechische Übersetzung kennt. Daher kann es sein, dass wir in dieser Geschichte Gott nur zwischen den Zeilen entdecken können.

Zudem ist Ester eins von nur drei biblischen Büchern, die einen Frauennamen zum Titel haben. Wer ist sie und worum geht es?
Das Buch Ester nimmt die Juden in den Blick, die ins Exil geführt wurden und nun in der Fremde unter persischer Herrschaft leben. König Ahasveros ist an der Macht, und am Anfang der Erzählung verweigert ihm seine Frau, Königin Wasti, den Gehorsam. Das macht den Weg für die Jüdin Ester an den Königshof frei. Wasti wird als Königin abgesetzt und die schönsten Frauen des Landes werden ein Jahr lang für die Auswahl durch den König vorbereitet. Ein Jahr lang wird die Schönheit der Frauen gepflegt, und am Ende findet Ester den Gefallen des Königs Ahasveros.

In die Zeit, als Ester persische Königin ist, fällt, dass Haman Minister des Königs ist. Er kennt die Gewohnheit, dass sich alle Untertanen vor ihm und dem König verneigen. Doch bei der Ehrerbietung für einen Menschen wie für einen Gott hört das angepasste jüdische Leben in der Fremde auf. Mordechai, der Onkel Esters, verweigert Haman die Ehrerbietung. Das trifft den Stolz des Haman und lässt ihm keine Ruhe. Haman beschließt die Vernichtung aller Juden im persischen Reich.

Nun wird Esters Platz am Königshof entscheidend, die auf Bitten ihres Onkels ungebeten vor den König tritt. Das hätte für sie nach damaligem Recht tödlich enden können, und doch findet sie vor dem König Gnade. Er hört sie an und lässt sich zusammen mit Haman in Esters Gemächer zum Essen einladen. Erst bei der zweiten Einladung bringt Ester ihr Anliegen vor den König. Sie legt ihre jüdische Herkunft offen und bittet um die Rettung ihres Volkes. Die Geschichte dreht sich, der nach Anerkennung gierende Haman gerät in Ungnade vor dem König und wird am eigens für Mordechai erbauten Galgen selbst getötet. Das jüdische Volk wird gerettet. Mordechai wird zum Nachfolger Hamans und damit zur rechten Hand des persischen Königs.

Dieses biblische Buch mit der Rettungsgeschichte für das jüdische Volk in der Fremde wird zum Ausgangspunkt für das Fest Purim. Jedes Jahr wird diese Geschichte in der Synagoge gelesen, und kennt man den Hintergrund nicht, wird man sich wundern, was da los ist. Rasseln und Lärm sind aus der Synagoge zu hören. Denn jedes Mal, wenn der Name Haman genannt wird, stimmen die Gottesdienstbesucher an und übertönen seinen Namen.

Pastorin Charlotte Kretschmann

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