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Kirchenregion Neubrandenburg

Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten

Die Zehn Gebote

Mein Chemielehrer hat mich einmal gefragt, was ich studieren möchte. Und als er hörte, mein geplantes Studium habe nichts mit Chemie zu tun, hat er mir ein falsches Zeugnis ausgestellt. Er wollte nicht, dass mich meine tatsächlichen Leistungen in Chemie auf meinem Lebensweg hindern. Dafür bin ich ihm sehr dankbar.

Ich erinnere mich an eine Lehrerkonferenz aus der Zeit, da ich als Lehrer arbeitete. Es ging um das Zeugnis einer Schülerin, die ganz schlechte Leistungen hatte. Grund waren schwere psychische Erkrankungen. Sollte sie versetzt werden oder nicht? Es gab heftige Auseinandersetzungen im Kollegium, ob man ihr die schlechten Leistungen bezeugen sollte, die sie hatte, mit unbekannten Folgen für ihre Gesundheit. Oder sollte man um ihrer Gesundheit willen ein falsches Zeugnis ausstellen, damit sie im gewohnten und bekannten Klassenverband weiter ihren Weg finden kann?

Wer einmal ein Zeugnis ausstellen musste, sei es als Lehrer oder sei es als Vorgesetzter im Betrieb, weiß, dass man damit den Lebensweg eines Menschen sehr direkt beeinflussen kann. Jedes Wort kann direkte Folgen für den Lebensweg eines anderen Menschen haben. Und ob Wahrhaftigkeit in jedem Fall der bessere Weg ist, scheint mir nicht eindeutig.

Das Gebot kommt aus einem Kontext im alten Israel in dem eine Zeugenaussage vor Gericht Konsequenzen für Leben und Tod haben konnte. Es gab keine DNA-Analyse, keine Kameras und keinen Gentest. Das Zeugnis von zwei Menschen hatte Beweiskraft, die ein Todesurteil zur Folge haben konnte. Und es kam immer wieder vor, dass man Zeugen bestechen konnte, die die Unwahrheit sprachen, wie wir auch aus dem Neuen Testament wissen: „Die Hohenpriester aber und der ganze Hohe Rat suchten falsches Zeugnis gegen Jesus, dass sie ihn töteten. Und obwohl viele falsche Zeugen herzutraten, fan-den sie doch nichts.“ Mt. 26,59-60.

Jedes Wort, das wir über andere sprechen, sei es in der Einkaufsschlange, sei es beim Kaffee, kann ungeahnte Folgen für andere Menschen haben. Ein Gerücht, einmal in die Welt gesetzt, lässt sich nicht wieder einfangen! Wir müssen sehr wachsam sein mit dem, was wir sagen, vor allem mit dem, was wir über andere Menschen sagen. Es ist so reizvoll, mal so ganz im Vertrauen seinen Frust über einen anderen Menschen loszuwerden, auch mal zu hören, was andere mit diesem erfahren haben. Wir nennen dies Tratschen und machen allzu gerne mit. Was unsere Worte danach noch anrichten, das entzieht sich dann unserer Macht, sie gehen dann ihren Weg alleine weiter und werden größer wie ein Schneeball, der den Berg runter rollt und zur Lawine wird.

Deshalb haben wir eine große Verantwortung, damit umzugehen! Denn Worte können auch helfen, Worte können trösten, Worte können heilen und nicht nur hinrichten, sondern auch aufrichten. Gerade bei diesem Gebot liegt es vielleicht mehr als bei anderen an unserem eigenen Willen und Wollen, es einzuhalten. Gott gebe uns die nötige Kraft, unsere Worten zum Wohle der Menschen zu gebrauchen!

Ralf von Samson

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