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Kirchenregion Neubrandenburg

Freie Bürgerinnen und Bürger – Freie Christinnen und Christen

100 Jahre Ende des landesherrlichen Kirchenregimentes in Mecklenburg-Strelitz

Die Novemberrevolution 1918 am Ende des Ersten Weltkrieges veränderte die Verhältnisse im Deutschen Reich und in Mecklenburg-Strelitz gründlich. Am 9. November dankte Wilhelm II. ab. Am 14. November verzichtete Friedrich Franz IV. von Mecklenburg auf den Thron und ging ins Exil.
Schon am 15. Dezember wurde in Mecklenburg-Strelitz die Wahl zur verfassunggebenden Versammlung durchgeführt. Diese beschloss am 29. Januar 1919 das Landesgrundgesetz. Mecklenburg-Strelitz war nun ein freier Staat von freien Bürgerinnen und Bürgern, die ihre politischen Geschicke ohne die Herrschaft des Großherzogs selbst in die Hand nehmen konnten.
Mit dem Ende der Monarchie endete in Mecklenburg-Strelitz auch das sogenannte Landesherrliche Kirchenregiment.
Dieses bezeichnete seit Martin Luther das Recht und die Aufgabe des jeweiligen evangelischen Fürsten, die Angelegenheiten der evangelischen Kirche per Gesetz und monarchischer Entscheidung zu organisieren. Die Reformation war mit Veränderungen in der Gestaltung des Gottesdienstes, der Anstellung der Priester bzw. Pfarrer und der Finanzierung der kirchlichen Aufgaben verbunden. Jemand musste die Verantwortung dafür übernehmen. Die katholischen Bischöfe im deutschen Reich lehnten die Reformation jedoch mehrheitlich ab. Luther wandte sich also an die Fürsten und Herzöge. Da sie als Träger der politischen Gewalt für alle Dinge des Gemeinwesens Verantwortung hätten, sollten sie als „Notbischöfe“ die notwendigen Veränderungen in den lutherischen Gemeinden durchsetzen und organisieren.
Aus einer Notlösung in der Zeit der Reformation wurde jedoch schnell eine Dauereinrichtung. Die Fürsten entschieden über Gottesdienstordnungen, kirchlichen Landbesitz, die Anstellung von Pastoren und kirchlichen Verwaltungsbeamten. Die Kirche nahm die Züge einer staatlichen Behörde an. Eine Kirche, die am Monarchen Kritik übte, wie es sie früher oft gegeben hatte, war ausgeschlossen.
Der Gottesdienst, die zentrale Lebensäußerung der Kirche, wurde zu einer Veranstaltung, die vom Landesherrn organisiert und garantiert wurde: Pfarrstellen wurden vom Konsistorium besetzt. Zum Orgeldienst wurden die Lehrer der öffentlichen Schulen verpflichtet. Das hatte Folgen: Die Kirche funktionierte nun unabhängig von der Beteiligung der Menschen, die in den Städten, Dörfern und auf den Gütern lebten. Man ging zur Kirche – oder ließ es bleiben. Man nahm an der Bibelstunde teil – oder nicht. Die Kirche als öffentliche Anstalt veränderte sich dadurch nicht. Die Kirche – das waren eben die Pastoren und die kirchlichen Verwaltungsbeamten. Es gab wenig Gelegenheiten, als Gemeindeglied verantwortlich tätig zu werden. Immer wieder gab es Versuche, die Gemeindeglieder stärker in die kirchlichen Entscheidungswege einzubeziehen. Der Großherzog jedoch wehrte sich erfolgreich gegen diese Einschränkung seiner Machtstellung.
Im Gefolge der Revolution von 1918 veränderte sich die Lage gewaltig. Die Gestaltung der Kirche und die Finanzierung ihrer Arbeit war nun keine Aufgabe der staatlichen Institutionen mehr. Die Kirche musste sich selbst um ihre Angelegenheiten kümmern. 1920 gab sich die Evangelische Kirche in Mecklenburg-Strelitz eine Verfassung. Diese stellte die Kirchgemeinde, vertreten durch den von allen Kirchenmitgliedern zu wählenden Kirchgemeinderat in den Mittelpunkt. Der KGR war für die Förderung des christlichen Lebens zuständig und verwaltete auch die Finanzen der Gemeinde. Für die Finanzierung der kirchlichen Aufgaben wurde erstmals in Mecklenburg eine Kirchensteuer eingeführt.
Damit änderte sich auch die Frage, wer denn die Kirche sei, grundlegend. Denn nun waren nach der Verfassung die Gemeindeglieder die bestimmenden Akteure: Sie bestimmten über den gewählten KGR die Situation vor Ort. Sie wählten die kirchlichen Ämter, wie den Pastor und die Mitglieder des Kirchentages, wie die Landessynode damals hieß. Für die Feier des Gottesdienstes war nun nicht mehr die Staatsverwaltung zuständig, sondern die Gemeinschaft derer, die sich tatsächlich um Wort und Sakrament versammelten.
Mit der Sorge für die öffentlichen Angelegenheiten fiel der Kirche auch die Verwaltung der Ländereien, der Unterhalt von Kirchen und Pfarrhäusern und die Anstellung von Mitarbeitenden zu. Auch wenn unsere kirchlichen Gremien manchmal etwas weniger Zeit mit diesen „weltlichen“ Angelegenheiten und mehr Zeit mit Gemeindeprojekten verbringen wollen, zeigt es uns doch immer wieder: Als Kirche Jesu Christi sind wir selbstständig unterwegs. Wir ordnen in der Nachfolge die strukturellen Dinge nach bestem Wissen und Gewissen, genauso wie wir Gottesdienst feiern. Wir können unsere Begabungen in der Gemeinde leben. Wir können uns über den Gottesdienst verständigen, den wir miteinander feiern wollen. Wir – jede und jeder Einzelne als Gemeindeglied – ist wichtig für die Frage, wie die Kirche die Botschaft von Jesus Christus weitererzählt und Menschen auf dem Weg des Glaubens begleitet.

 

Quellen: W. Karge, u.a., Die Geschichte Mecklenburgs, Rostock 2011. | G. Krüger-Haye, Kirchengeschichte von Mecklenburg-Strelitz 1701-1934, Schwerin 1941. | J. Wallmann, Kirchengeschichte Deutschlands seit der Reformation, Tübingen 2006.

Martin Doß

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