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Kirchenregion Neubrandenburg

Verena von Samson, 3. Mose 19,32

Vor einem grauen Haupt sollst du
aufstehen und die Alten ehren
und sollst dich fürchten
vor deinem Gott;
ich bin der Herr.
  (3. Mose 19,32)

Die Alten ehren - mir fiel das noch nie schwer, ich bin mit einer großartigen Oma aufgewachsen, das prägt. Ich will von einigen grauen Häuptern erzählen.
Vor ein paar Tagen erreichte uns die Nachricht, dass Frau T. im Alter von 107 Jahren gestorben ist. Sie gehörte zu unserer Gemeinde in Caracas und war schon über hundert, als wir weggingen. An ihren Geburtstagen erreichte man sie nie, da war sie auf Reisen, meistens auf Barbados. Als sie mal längere Zeit nicht in die Kirche kam, hatte sie die berüchtigte Schweinegrippe erwischt. Nun gut, ihr Sohn ist Arzt und hatte das wieder hinbekommen, aber immerhin: sie hat sich nicht unterkriegen lassen, an so was wollte sie nicht sterben.
Ziemlich regelmäßig besuche ich meine liebe alte Freundin Charlott (96) im Altersheim. Einst waren wir Nachbarn, dann gingen wir weg. Beim Abschied war ich mir nicht sicher, ob wir uns je wiedersehen würden. Als wir nach fast 20 Jahren in diese Gegend zurückkamen, rief sie eines Tages bei uns an und sagte: „Ihr habt noch nicht bei mir reingeschaut, dachtet wohl, ich bin schon tot.“ Ganz falsch war der Gedanke nicht, schließlich schafft nicht jeder die 90. Inzwischen hat die Gesundheit nachgelassen, sie kann nicht mehr gehen und verbringt die Tage im Sessel. Aber sie nimmt gedanklich stark am Leben ihrer Familie Anteil, sie ist auf dem Laufenden, sorgt sich oder freut sich mit den Ihren, und wenn sie nicht schlafen kann, dann liest sie ganz früh am Morgen auf ihrem i-Pad den Nordkurier.
Sie werden sagen: so altern aber eben nicht alle, es ist viel mehr Gebrechlichkeit oder Vergesslichkeit oder was auch immer zu bemerken. Klar, das stimmt, aber auch das hat seine Berechtigung nach einem langen Leben.
Onkel Reinhold war in den 80ern und schon etwas gebrechlicher. Als wir ihn und seine Familie im Spreewald besuchten, erzählte er wunderbar von den ganz alten Zeiten. Seine Tochter, die ab und an reinschaute, rief jedes Mal: „Hör doch auf Papa, das hast du schon 100-mal erzählt!“ Wir hörten es zum ersten Mal, und so schön, wie er erzählte, hätte ich es gerne noch 99 mal gehört.
Fulbert Steffensky sagte sinngemäß, dass man im Alter auch ruhig mal Fragment sein kann, also nicht alles fertig und geschafft haben muss, und man müsse sich auch für nichts mehr rechtfertigen, sondern dürfe sagen: ich bin, der ich bin. Das hat mir sehr gefallen, vielleicht weil ich ja inzwischen auch zu den „Alten“ gehöre, alt genug, um den Ruhestand anzutreten. Natürlich weiß ich, dass Alter nicht nur eitel Sonnenschein ist, aber trotzdem…
Scheinbar war eine gewisse Respektlosigkeit schon damals unter dem wüstenwandernden Gottesvolk zugegen, sonst hätte Gott nicht die Anweisungen zur Heiligung des Alltags geben müssen. Vieles ist dort festgehalten: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst oder: Du sollst dem Tauben nicht fluchen und vor den Blinden kein Hindernis legen. Und eben auch das: Du sollst die Alten ehren. Eigentlich sollte gerade das niemandem schwerfallen, denn es ist die Zukunft aller, die nicht jung sterben: dem Alter entkommt man nicht, machen wir also das Beste draus und schauen auch in jungen Jahren gnädig auf das graue Haupt.

Erika Gebser

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