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Kirchenregion Neubrandenburg

Der Karsamstag. Das Zwischenland.

Liebe Leserinnen und liebe Leser unseres Gemeindebriefes. 

In wenigen Tagen ist Aschermittwoch. Ob als Karnevalsfreund oder als jemand der damit „fremdelt“, es beginnt die Passionszeit, 7 Wochen Fastenzeit. Es kommt Karfreitag und endlich, endlich wird Ostern.

Der Rhythmus des Kirchenjahres hat schon seine Besonderheit. Viele Themen unseres Lebens kommen vor, wir setzen uns damit auseinander oder werden zumindest berührt, und wir spüren, „dass da etwas ist“.
Jeder von uns kennt Karfreitage. Das sind die Momente des Lebens, in denen wir Schockstarre erleben. Karfreitag steht für die abgrundtiefen Abstürze, für all die Verlassenheit, für die menschliche Verzweiflung, Karfreitag steht für all das menschliche Ende, das Menschen erfahren.

Und dann ist da Ostern. Ostersonntag ist der Inbegriff für das Aufbrechen von neuem Leben. Die Feier der Auferstehung geht in ihrer vielfältigen Botschaft weit über die Auferstehung Jesu von den Toten hinaus. Dies verstehen glaubende Menschen, wie Menschen ohne Bezug zu Gott. Auf Ostern freuen wir uns, das wollen wir, so wünschen wir es uns. Aufbruch, Frühling, frisches Grün.

Es gibt einen Tag zwischen diesen Tagen, der ist kein Feiertag. Dieser Tag wird nicht besonders begangen. Er spielt im Kalender eine untergeordnete Rolle.
Aber es ist ein Tag vom Leben.
Das ist der Karsamstag.

Es ist ein Tag wie aus dem Tagebuch. Es ist ein Tag, eben wie zwischen Karfreitag und Ostern.
Das kennen wir doch. Da sind wir nach einer Niederlage, nach einem Verlust, nach einer Enttäuschung gerade mal nicht mehr ganz verzweifelt. Irgendwie haben wir es geschafft zu überleben. Aber Ostern ist noch weit weg.
Es gibt diese Tage, an denen wir nur warten. Scheinbar passiert nichts. Unerträgliches Warten, Hoffen, Bangen. Worauf? Keine Ahnung. Warum? Weiß nicht. Da ist nichts zu erkennen vom Ostermorgen. Die Jünger Jesu hatten sich eingeschlossen, um zu warten. Es war nicht mal zielgerichtet. Ihr Warten hatte kein Ziel. Sie mussten nur die Zeit rumkriegen, sie saßen eingeschlossen in ihren Häusern mit ihren Fragen und Ängsten. Diese Unerträglichkeit des Lebens kennen viele Menschen, zu viele.

Das sind die Momente des Lebens, die wir erst im Rückblick verstehen oder einordnen können.
Über Karsamstag können wir eben nur von Ostern her sprechen. Mittendrin lebt man nur in einem Zwischenland voller Fragen und Unsicherheiten.

Der Blick auf Ostern, die Auferstehung Jesu als Geschenk Gottes für uns Menschen, als letzten Anker der Glaubenden, mag trösten, helfen, aufrichten und ermutigen. Doch ist die Unklarheit des Zwischenlandes dennoch und ebenso unerträglich. Bangen, hoffen, warten, ohne dass etwas geschieht. Jedenfalls geschieht nichts sichtbar, augenscheinlich. Es ist schwer, dies auszuhalten.

Eine Geschichte aus Asien erzählt von einer Bambusart, die 7 Jahre benötigt, um 30 m in die Höhe zu wachsen. In 3,4,5,6 Jahren geschieht nichts. Nichts ist zu sehen, nichts kommt aus dem Boden. Der Bauer ist geneigt, den Boden neu zu bepflanzen. Alles ausreißen! Im 7. Jahr wächst der Bambus vollständig seine 30 m. Die Frage ist, wächst der Baum 30 m in einem Jahr oder in sieben Jahren?
Ich finde, dies ist ein passendes Bild für manche Situationen im Leben.

Allen, die Karsamstage kennen oder gerade erleben, sei dieses heutige Wort gewidmet.
Pastor Jörg Albrecht

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