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Kirchenregion Neubrandenburg

Verena von Samson, Offenbarung 21,2
Israel-Museum Jerusalem; Modell des Zweiten Tempels

Und ich sah die heilige Stadt, 
das neue Jerusalem, 
von Gott aus dem Himmel 
herabkommen, 
bereitet wie eine geschmückte 
Braut für ihren Mann. Offb. 21,2

Liebe Leserinnen und liebe Leser,
„Jerusalem - die heilige Stadt“. Dieses Bild hat unzählige Menschen in vielen Jahrhunderten der Geschichte inspiriert und motiviert, ebenso blind und gewalttätig werden lassen.
Einst Hauptstadt und religiöse Mitte Israels, Ort der Anbetung Gottes, im Tempel wurden die Opfer dargebracht. Jerusalem wurde erobert und zerstört, die Mauern dem Erdboden gleich gemacht, Besatzer hatten das Sagen. Kreuzzüge wollten die Heilige Stadt befreien, mit Gewalt für den, der Gewaltlosigkeit gelebt hat. In den letzten Jahrzehnten gab es jede Menge unheilige Gewalt in der „heiligen Stadt“. Ideologisch geführte Kämpfe, teils mit militärischen Mitteln, teils medial.
Jerusalem scheint wie eine Braut zu sein, die heiß begehrt und heiß umkämpft wird.
Als die Worte der Offenbarung aufgeschrieben wurden, erlebte Jerusalem nur wenige Jahre zuvor das größte Fiasko seiner Geschichte: die völlige Zerstörung der Stadt durch die Römer, die Vertreibung der ganzen Bevölkerung, das Verbot zum Betreten der Stadt. Es war ein Ereignis, das in seiner Intensität alle weiteren Jahrhunderte prägte.
Und nun schreibt der Seher der Offenbarung diese sehnsuchtsvollen Sätze, Worte über seine verlorene zerstörte Heimat. Es ist ein Bild, das ihm vor Augen ist. Es ist ein Bild voller Sehnsucht und voll von Hoffnung. Gott hat es in sein Herz, Gott hat es ihm vor Augen gemalt: das Bild der „heiligen Stadt, das neue Jerusalem, das von Gott aus dem Himmel herabkommen wird.“
Dieses Bild erscheint uns heute vielleicht fern, es wirkt mitunter sogar fremd. Aber es drückt doch eine Zukunft aus, nach der auch wir uns sehnen.
Da ist die Sehnsucht, dass etwas neu werden möge. Ein neues Jerusalem möge kommen, also eine Zeit im Leben, eine Gelegenheit, in der das „Kaputte“ heilt, Verletzungen mögen nicht mehr schmerzen, es gibt einen Ort, an dem ich zu Hause bin. Auch in uns, in Menschen heute, ist vieles zerstört. Keine Mauern und Häuser, aber Beziehungen und Träume. Lebenspläne scheinen wie vernichtet, die Rückkehr in das einst blühende Land nicht mehr möglich. Einige Menschen erleben dies real, für andere sind auch dies Bilder. Und dann ist da dieses neue Bild, kraftvoll, Mut machend, hoffnungsvoll, Geduld voraussetzend.
Es wird heil werden, es wird ganz sein, es wird glänzen und schön sein. So wird es sein.
Wenn diese Hoffnung in mir wurzelt, dann kann ich wirklich besser leben, gelassener, geduldiger und mutiger und hoffnungsvoller. Die Offenbarung ist ein Buch der Bibel, das von der Gegenwart ausgehend in die Zukunft weist und in die Zukunft zeigt.
So wie die Zerstörung der Stadt ihren realen Moment hatte, die Sehnsucht nach dem neuen Jerusalem eine verständliche Sehnsucht war, so weisen die Worte zugleich weit über das Jetzt hinaus. Das „Neue Jerusalem“ ist zugleich ein Bild der Sehnsucht nach Ganzheit und Heil einer neuen Ewigkeit, über unser Leben hinausweisend und hinausragend.
Wie lebt es sich mit diesem Bild vor Augen? Von Gott werden Glanz und Schönheit kommen, aus dem Himmel, aus seiner Welt zu uns?
Wir leben zwischen dem Reich Gottes auf Erden, dem Beginn des anderen, des neuen Miteinanders seit Jesus und der Vollendung, dem vollkommenen Ganzsein in Gottes Ewigkeit. Und dieses „Dazwischen“ ist unsere Zeit, es ist unser Leben. Dieses unser Leben gilt es zu gestalten und zu leben, hoffnungsvoll und Mut machend. Vielleicht finden wir für uns heute auch andere Bilder, dieses Bild der Bibel müssen wir für uns deuten, aber es mag uns helfen auf der Suche nach unseren Bildern, die unsere eigene Sehnsucht beflügeln. 

Pastor Jörg Albrecht

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