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Kirchenregion Neubrandenburg

Verena von Samson, Hiob 19,25

Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt

(Hiob 19,25)

Wochenlang hast du auf den Befund aus dem Labor gewartet. Auf der Lunge ist ein Schatten zu sehen. Die Frage steht im Raum: Ist es Krebs? Und wenn ja, was dann?
Dann kommt die Gewebeprobe zurück und die Ärztin sagt: Entwarnung. Das Gewebe ist nur entzündet. Wir kriegen das mit einem Medikament wieder hin.

Es sind ganz verschiedene Situationen, in denen wir heute von Erlösung sprechen. Immer geht es darum: Ich werde befreit. Von etwas, das mir das Leben unerträglich macht: von Angst oder Schmerzen oder Geldsorgen oder Stress.
Das Buch Hiob aus der Bibel erzählt von dem reichen Landwirt Hiob. Er erleidet, was wir heute „furchtbare Schicksalsschläge“ nennen: Seine Tiere werden gestohlen. Seine sieben Söhne und drei Töchter sterben, als bei einem Wirbelsturm das Haus zusammenbricht. Dazu wird er noch von einer schrecklichen Hautkrankheit befallen. Er hat furchtbare Schmerzen. Die meisten Freunde und seine Ehefrau verlassen ihn.
Aber für Hiob sind es nicht „furchtbare Schicksalsschläge“ und „böser Zufall“, die sein Leben befallen haben. Sondern Hiob sieht Gott am Werk, die geheimnisvolle Kraft, die dafür gesorgt hat, dass da ist, was da ist. Dieser Gott hat Hiob eine Ahnung ins Herz gepflanzt: Ich kann einerseits gerecht leben. Und ich kann andererseits achtlos an dem vorbei gehen, was Leben und Menschlichkeit von mir fordern. Hiob hat sich nach Kräften bemüht, die Benachteiligten zu stärken und ihr Recht zu vertreten: Hat Waisenkinder aufgenommen. Hat alleinerziehenden Witwen geholfen. Hat Obdachlose und Flüchtlinge gekleidet, beköstigt und ihnen zugehört. So wie Gott es in sein Herz geschrieben hat. Auf diesen Gott hat er sein Leben lang vertraut. Und er weiß: von Gott kommt das Gute und auch das Böse.
Aber jetzt gerät sein Vertrauen auf diesen Gott ins Straucheln. Hiob klagt über sein Leiden und schreit zum Himmel: „Es ist ungerecht, was du, allmächtiger Gott, mir kleinem Menschen und meinen Kindern angetan hast!“ Und in seiner Klage schwingt auch Resignation mit: „Interessiert dich das überhaupt, dass ich hier so leide?“
Einige Menschen sind an dieser Stelle mit Gott fertig. Enttäuscht wenden sie sich von Gott ab:  „Wozu ist Schwiegermutter eigentlich immer in die Kirche gerannt? Sie hat am Ende ja doch den Krebs bekommen.“ Oder: „Uns rettet eh kein höh'res Wesen. Das müssen wir schon selber tun.“
Das Bemerkenswerte an der Figur des Hiob ist: Trotz allem erwartet er noch etwas von Gott. Er sagt „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt“. Hiob erwartet, dass der, der ihm so Furchtbares angetan hat, dafür gerade steht und sich erklärt. Er fordert eine Antwort von Gott. „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt.“ Da muss doch einfach einer sein, der meine Tränen sieht.
Denn so erzählt es die Bibel im Alten Testament wie im Neuen Testament. Gott erlöst. Gott hört die Schmerzensschreie. Gott sieht die Tränen. Und: Gott sendet einen Menschen, der etwas unternimmt. Mose führt das Volk aus der Sklaverei in die Freiheit. Die Propheten klagen an, dass Menschen im Wirtschaftswunder unter die Räder geraten und in Armut gefangen sind. Jesus befreit Menschen von dem, was sie gefangen hält: Von Krankheiten, von Lieblosigkeit, von Schuld. Und obwohl die Freundinnen und Freunde Jesu wissen, wo er begraben worden ist, erfahren sie: Jesus lebt, obwohl er mausetot war. Gott hat ihn aus dem Tod erlöst.
An diesem Bild von Gott hält sich Hiob fest und wartet, dass der Himmel auf seine Fragen Antwort gibt.
Das Buch Hiob erzählt: Tatsächlich tut sich für Hiob in einem Gewitter der Himmel auf. Es gibt zwar keine Entschuldigung, keine Erklärung, was Gott dazu antreibt, Hiob solche Schmerzen zuzumuten. Aber Hiob erlebt doch: Der Himmel redet. Da ist mehr als eine große Leere. Mehr als Schicksal, Zufall, Naturgesetze. Mein Leben ist in einer Weise von Liebe geborgen und gehalten, die ich schwer erklären kann. Hiob kann mit seinem Leiden Frieden schließen.

„Ich weiß, das mein Erlöser lebt.“ Vielleicht kann ich dieses trotzige Vertrauen in diesem Herbst in Anspruch nehmen. Wenn ich in den dunklen Tagen mit den schweren Seiten meines Lebens konfrontiert bin. Wenn ich an den Gräbern meiner Familie stehe. Wenn ich dem Himmel mein großes „Warum?“ vorhalte. Vielleicht erlebe auch ich einen Augenblick, der sich anfühlt wie Erlösung. Vielleicht findet mein Herz einen neuen Frieden.
Pastor Martin Doß

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