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Kirchenregion Neubrandenburg

Ich lebe davon, dass mir andere Menschen einen Platz in ihrem Leben einräumen. Am deutlichsten war das vor meiner Geburt. Als meine Mutter schwanger war, da hat sie sich darauf eingelassen, mir einen Platz in ihrem Körper zugeben. Eine ehrenamtliche Mitarbeiterin unserer Kirchengemeinde hat in ihrem Wohnzimmer immer Platz gehabt für uns Jugendliche. Sie hatte ein großes Herz für unsere Suche danach, wer wir sind und wo unser Platz in dieser Welt sein könnte. Und sie hatte Geduld mit unseren verwirrten Gemütern: Mal waren wir ganz cool, fast arrogant, dann wieder anhänglich und liebebedürftig. Und heute ist es meine Ehefrau, die mir einen Platz in ihrem Herzen gegeben hat. Wir teilen das Aufregende und das Alltägliche. Sie hört mir zu und hat Geduld mit meinen Ecken und Kanten. Und es gibt noch so viel mehr Menschen, die mir Gutes im Leben getan haben. Sie alle haben mir etwas von Gottes Liebe gezeigt. Und wie schön die Welt wird, wenn auch ich für andere etwas Platz in meinem Leben mache.
Leider beobachte ich an mir oft, dass ich mich ver-schließe, statt anderen Platz zu geben. Ich bin mit dem Kopf ganz in den kleinen Aufgaben des Alltags gefangen und nehme mir selten Zeit für ein ausführliches Gespräch. Ich ärgere mich schnell über Menschen, die mir auf die eine oder andere Weise zu nahe treten. Mein Geduldsfaden ist oft sehr kurz. Und so geht es wohl vielen.
Daher erinnert die Bibel uns auch so oft daran, dass es die Liebe und die Zuwendung ist, die die Welt und das Leben schön macht. Sie sagt mir: Nimm dir doch jetzt einen kleinen Augenblick Zeit und höre zu. Oder: Auch du selbst trittst oft in Fettnäpfchen. Du kannst dir daher Gelassenheit leisten, statt aus der Haut zu fahren.
Das Schöne dabei ist, dass die Bibel den erhobenen Zeigefinger immer in der Tasche stecken lässt. Statt mich mit Reitersporen anzutreiben, malt sie mir ein Bild. Sie zeigt mir, wie erleichtert mein Gegenüber lächelt, nachdem es sein Herz ausgeschüttet hat. Und dieses Lächeln hat mich nur zehn Minuten und zwei ehrliche Fragen gekostet. Sie zeigt mir, welches Projekt die Kollegen und ich auf die Beine stellen. Was ein bisschen Geduld alles möglich macht! Sie zeigt mir die Lebensfreude, die entsteht, wenn ich meine Begabungen in der Gemeinde für meine Mitmenschen einsetze: ob es nun ein gebackener Kuchen ist oder etwas Musik oder eine Mitfahrgelegenheit zum Gottesdienst. Diese Bilder ziehen an. Wenn ich sie vor Augen habe, fällt es mir viel leichter, aufmerksam zu sein für die Menschen, die mir begegnen.

Pastor Martin Doß

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