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Kirchenregion Neubrandenburg

Jephta

Was sonst noch in der Bibel steht
Zu den nicht jedermann bekannten Geschichten der Bibel zählt die Geschichte des Richters Jephta (Ri. 10,6-12,7). Lion Feuchtwanger schrieb über seine Geschichte einen großen Roman und Georg Friedrich Händel ein Oratorium. Die Geschichte Jephtas reizte die Autoren, denn sie ist eine zutiefst tragische Geschichte.

Jephta war der Sohn seines Vaters Gilead mit einer Hure. Als sein Vater mit seiner rechtmäßigen Frau Söhne bekommt, wird Jephta systematisch aus der Familie ausgegrenzt und von seinen Brüdern vertrieben. Selbst sein Vater steht nicht zu ihm. Heute nennt man so etwas Mobbing. So ein Mobbing, so eine Ausgrenzung, geht niemals spurlos an einem Menschen vorüber. Entweder sie verlieren die Lebenslust, werden krank oder aggressiv wie Jephta. „Jephta war ein streitbarer Mann“ so lesen wir.
Untersuchungen haben gezeigt, dass ehemalige IS-Kämpfer oft sozial ausgegrenzt waren. Jetzt endlich, in dieser Terrororganisation hatten sie zum ersten Mal in ihrem Leben das Gefühl, gebraucht zu werden, das Gefühl, dass ihr Leben einen Sinn hat und sie zu etwas nütze sind. Ähnliche Phänomene finden wir in rechten Organisationen oder bei Sekten.
Jephta ging in das Land Tob, eine Flucht vor seinen Brüdern, eine Flucht vor den Menschen, die ihm das Leben schwer gemacht haben. Noch einmal neu anfangen, woanders sein Glück versuchen! Dort im Lande Tob kann er sich einen Ruf erwerben als Streiter, als Krieger und damit verbunden eine gewisse Achtung von anderen Menschen. Oder ist es eher Ehrfurcht? Aber er bleibt ausgeschlossen von der Familie und der Heimat. Als Israel in Auseinandersetzungen mit den Ammonitern gerät und die Not groß ist, bitten seine Brüder in ihrer Not Jephta um Hilfe. Für ihn ist das der Augenblick und die Chance, sich Achtung zu verschaffen. Wenn er die Ammoniter schlagen kann, dann müssen seine Brüder ihn akzeptieren. Dann endlich hat er einen Namen in seiner Heimat und in seiner Familie. Das ist die Chance seines Lebens. Wenn er allerdings scheitert, dann wird auch in Zukunft kein Weg in die Familie und in die Heimat führen. Der Druck ist groß, und unter diesem Druck gelobt Jephta, das zu opfern, was ihm bei seiner siegreichen Heimkehr als Erstes entgegenkommen wird. Als Jephta dann nach erfolgreichem Kampf nach Hause kommt, kommt ihm seine einzige Tochter freudestrahlend singend und musizierend entgegen. Jephta ist an sein Gelübde gebunden und gibt seine Tochter mit deren Einverständnis als Brandopfer dem Gott dar, dem er das Gelöbnis gegeben hat.
Eine alte Geschichte? Keineswegs! Ich kenne einige Menschen, die ihre Anerkennung durch ihre Arbeit suchen. Erfolgreich sein zeigt sich für viele Menschen darin, viel Geld zu verdienen. Und um dieses Ziel zu erreichen, hat so mancher von ihnen die Menschen „geopfert“, die ihm eigentlich am wichtigsten waren. So mancher hat so viel gearbeitet, war so erfolgreich, dass er, so wie mir jemand mal erzählte, inzwischen erfolgreich geschieden sei. Erfolg und Anerkennung haben ihren Preis und wir sollten sehr darauf achten, welchen Preis wir dafür bereit sind zu zahlen.
Diese Geschichte zeigt uns, welche Folgen soziale Ausgrenzung haben kann. Sie zeigt, was passieren kann, wenn Menschen das Gefühl haben, um die Anerkennung anderer alles tun zu müssen, und sie mahnt uns, einander anzunehmen, wie wir sind, uns deutlich zu machen, wie wichtig wir einander sind und dass wir einander brauchen. Denn Zuneigung und Liebe lassen sich nicht verdienen. Wie sich auch Gottes Liebe nicht verdienen lässt. Sie sind unverdientes Geschenk.

Pastor Ralf von Samson

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