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Kirchenregion Neubrandenburg

Krankenhausseelsorge

Zur Zeit verzichten wir aufgrund der Corona-Pandemie auf Gottesdienste. Die Krankenhauskapelle ist aber zum Gebet geöffnet.

Petra Hoffmann in ihrem Büro

Verabschiedung von Petra Hoffmann

Liebe Leserinnen und Leser,
beim Aufräumen meines Büros im Krankenhaus fiel mir ein kleiner, vergilbter Notizzettel mit einer krakeligen Kinderschrift in die Hand, auf dem stand: Ich will hier raus! Ach ja, ich erinnerte mich: Es war ein Junge um die 13 Jahre, der nach drei Wochen die Nase voll hatte. Komplizierter Bruch, die Eltern weit weg. Sie hatten zu wenig Geld, um ihn regelmäßig zu besuchen. Um genau zu sein – sie waren erst einmal da. Das konnte ich nicht fassen, damals, in meiner Anfangszeit. Bei einem meiner regelmäßigen Besuche steckte er mir diesen Zettel zu: Ich will hier raus! Ich kann dich so gut verstehen.

Wieso passiert mir das? Warum bin ich, ist ausgerechnet mein Kind so krank? Was haben wir getan, dass wir so bestraft werden? Wenn es denn „Ihren“ Gott gäbe, wäre das nicht passiert, oder?
Diese Sätze habe ich sehr oft gehört in 20 Jahren Krankenhausseelsorge. Und ich dachte: Ob ich irgendwann mal nicht so hilflos dastehe, so ganz ohne Antwort? Das hilflose Gefühl vom Anfang hat sich gewandelt. Doch immer wieder stand ich mit den Menschen – Erwachsenen, Kindern, Patienten, Angehörigen da und rang nach Worten, haderte mit Gott, schwieg, betete, fragte mit den Menschen und suchte mit ihnen nach ihren ganz persönlichen Antworten, nach Fragmenten des Verstehens und unterstützte sie auf ihrem Weg der Deutung, vorsichtig, tastend. Was mich dabei getragen hat, ist der Glaube, dass Gott die Menschen aus Liebe geschaffen hat und sie nicht mit Krankheiten straft, sondern dass Krankheit ein nicht von Gott gegebenes Unheil ist wie so vieles auf der Welt, mit dem wir leben und an dem wir u.U. sterben müssen. Unheil, das einem Menschen widerfährt, mit Sinn zu füllen oder für ganz und gar sinnlos zu halten steht nur dem Betroffenen selbst oder seinen Nächsten, die zurückbleiben, zu.

Viele Menschen habe ich wiedergetroffen aus den Gemeinden, unglaublich viele Menschen neu kennengelernt, Kinderschicksale haben mich heftig berührt, an Wärmebettchen von Frühgeborenen habe ich mit Eltern gebangt. Während Ärzte und Pflegende versuchten, verunfallte Kinder in der Notaufnahme oder auf der ITS zu retten, habe ich Stunden mit verzweifelten Eltern verbracht, mit ihnen gewartet, um am Ende aufzuatmen oder doch  zu erfahren, dass es keine Rettung gibt. Es gibt keinen Vergleich zu den Gefühlen der betroffenen Eltern, aber das waren auch für mich die allerschwersten Stunden.
In solchen Situationen wird deutlich, wie belastend diese Arbeit auch für die Pflegenden, Ärzte und anderen Mitarbeitenden einer Klinik sein kann. Wie gut, wenn ein Team, ein Mitarbeitender zusammen mit der Seelsorgerin noch bleibt, spricht, schweigt und wir erst danach auseinandergehen.
In meiner Zeit am Krankenhaus ist meine Hochachtung vor den Mitarbeitenden in allen Bereichen in diesem komplexen System gewachsen. Ich bin dankbar, dass ich in einem Haus arbeiten konnte, an dem Seelsorge selbstverständlich geworden ist. Es gibt eine wunderbare Kapelle, Rituale, wie das Anzünden einer Kerze, wenn es großen Schmerz oder große Freude gibt, Gottesdienste, Andachten, Aussegnungen sind möglich und gewünscht. Das Haus stellt Räume und nötige Mittel für die Seelsorge bereit.

Es gibt natürlich auch viele schöne, hoffnungsvolle und entlastende Seiten der Krankenhausseelsorge. Wie gut, dass ich auch ganz oft sagen konnte: Jetzt kannst du hier raus. Wie schön. Bleib behütet. Wenn nach längerer Behandlung jemand gesund entlassen wird. Wenn die Frühchen sich alle paar Jahre treffen und die Pflegenden quietschen vor Freude, weil sie sich so gut entwickelt haben.
Es gab Martinsspiele von Mitarbeiterkindern der Kita Morgenstern, Krippenspiele, Kinderkonzerte, schöne Gottesdienste und Feste. Wir haben wunderbare Besinnungstage, Glaubenskurse, Oasentage und vieles mehr mit den Mitarbeitenden erlebt. Es gab und gibt eine tolle Ehrenamtlichenbewegung in der Seelsorge – alle, die dabei sind, sind glücklich, in den verschiedenen Bereichen des Krankenhauses mitzuarbeiten und sich auch als Gruppe(n) zu treffen und sich als Gemeinschaft im Dienst an anderen zu fühlen.

Ach – es fällt nun schwer und auch leicht, loszulassen, aber es ist so weit – ich bin jetzt raus!
Das gefällt mir, weil ich ahne, dass nach 20 Jahren Gemeindedienst und 20 Jahren Krankenhausseelsorge noch andere spannende Lebensaufgaben auf mich warten könnten.

Ihre Petra Hoffmann, Diakonin