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Kirchenregion Neubrandenburg

Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn (1. Mose 32, 27)

Monatsspruch Juni 2015

Der das sagte, war Jakob, einer, der sich mit dem Segen auskannte. Schon einmal hatte er den Segen ziemlich unrechtmäßig ergaunert, als er seinem alten, fast blinden Vater vorgaukelte, er sei Esau, der Erstgeborene, dem der Vatersegen zustand. Nun kommt er, wohlhabend geworden, aus der Fremde zurück, in Erwartung seines damals so schändlich betrogenen Bruders. Wie wird der ihm begegnen?
Zornig und wütend oder zur Versöhnung bereit?

Jacob weiß es nicht. Allein und unsicher verbringt er die Nacht vor der Begegnung. Plötzlich ist da ein Mann, der mit ihm zu ringen beginnt. Bis zum Morgengrauen ringen sie, dann will sich der Fremde aus dem Staub machen. „Erst wenn du mich segnest, lasse ich dich gehen“- sagt Jakob und so bekommt er den heiß begehrten Segen. Vom Kampf hinkend, aber vom Segen gestärkt, geht er seinem Bruder entgegen und teilt Segen und Geschenke mit ihm.
Ich glaube, selten hat jemand so um den Segen gekämpft wie Jakob. Eigentlich ist es schade, dass Segen heute so wenig Beachtung findet oder würden wir heute noch um den Segen kämpfen? Segen ist ja eine wohltuende  Zuwendung Gottes, ein Geschenk: Gott schenkt Anteil an seiner göttlichen Kraft. Sonntag für Sonntag erbitten wir den Segen in unseren Gottesdiensten und reichen ihn weiter. Bei so großzügigem Umgang mit dieser göttlichen Kraft müssten unsere Gottesdienste eigentlich aus allen Nähten platzen.
Eine schöne Segensgeschichte habe ich in Lateinamerika erlebt. Ich stand mal wieder im Stau, wie so oft und war wütend. Gerade hatte sich wieder einer vorgedrängelt und die Ampeln beachtete auch längst keiner mehr. Im Schneckentempo ging es vorwärts, wenn überhaupt. Ich hatte noch so viel vor an diesem Nachmittag. Zum Glück war ich allein im Auto, so konnte ich hemmungslos vor mich hin fluchen.
 Den Stau ausnutzend, näherte sich ein Bettler auf Krücken und hielt jedem Autofahrer seinen Plastikbecher hin. „Nein“ dachte ich, „der kriegt nichts, wenigstens einer soll unter meiner Wut leiden“. Ich beachtete ihn einfach nicht, bis er an meinem Auto stand und zu mir sagte: „Dios le bendiga“- Gott segne Sie. Das machte mich für einen Moment sprachlos. Normalerweise kam das erst, wenn man was gegeben hatte, aber der hielt erst danach die Hand auf. Automatisch suchten meine Hände nach etwas Geld. Ich kam mir ertappt vor und fühlte mich schlecht und gemein, so, als hätte ich mir wie Jakob in der Bibel den Segen nur erschlichen. Also zahlte ich was, wenngleich so ein Segen ja unbezahlbar ist. Auf der Straße ging es nach dem Segen auch nicht schneller vorwärts, aber merkwürdigerweise störte es mich nicht mehr.
„Dios le bendiga“ – natürlich war mir klar, dass es für den Bettler so eine Art Formel war, die sich eben gut machte. Vielleicht sind solche Worte aber auch ernst gemeint, wenn nicht von dem Bettler, dann mit Sicherheit von Gott, der selbst leeres Geschwätz in seinem Sinne nutzen kann, erst recht so einen Segenswunsch. Ich bin immer froh, wenn mir der Segen zugesprochen wird, dieses wunderbare Geschenk. Festhalten kann man ihn allerdings nicht, man kann ihn auch nicht haben, aber man kann gesegnet sein und das andere spüren lassen, den Segen also weitergeben. Manchmal kann man aber auch ruhig um den Segen kämpfen, es lohnt sich, wie wir an Jakob sehen.

             In diesem Sinne: Dios le bendiga
             Erika Gebser

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