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Kirchenregion Neubrandenburg

Text: Rainer Szczesiak, Roga; Foto: Ralf Bruse, Regionalmuseum Neubrandenburg

Eine Pilgerflasche aus dem Neubrandenburger Franziskanerkloster

Bei den Ausgrabungen auf dem Hof des ehemaligen Franziskanerklosters wurden 1998 die Reste von zwei Trinkflaschen aus rheinischem Steinzeug entdeckt. Die Stücke lagen unmittelbar nördlich am Fundament der St. Johanniskirche. In der Restaurierungswerkstatt des Regionalmuseums Neubrandenburg konnte eines der knapp 10 cm hohen Gefäße für die Verwendung in der stadtgeschichtlichen Ausstellung rekonstruiert werden. Fehlende Keramikpartien wurden aus Stabilisierungsgründen mit weißem Gips ergänzt und gelblich eingefärbt.

Das Importgefäß besteht aus hellgrauer, sehr fest gebrannter Tonmasse. Aufgrund der glasartig geschmolzenen Keramikstruktur ist der Scherben flüssigkeitsundurchlässig. Die graue Außenseite trägt partiell eine hell- bis rotbraune Außenglasur, die durch den Ascheflug beim Brennprozess entstand. Der bauchige Flüssigkeitsbehälter besitzt aus Gründen des Tragekomforts eine abgeflachte Seite. Oben ist eine leicht hervorgehobene Öffnung mit Wulstrand angebracht, die von zwei kleinen Bandhenkeln flankiert wird. Als Verschluss diente vermutlich ein Stöpsel aus organischem Material. Steinzeuggefäße dieser Keramikart stammen aus dem Rheingebiet um Köln. Von dort aus wurden unterschiedlichste Gefäßtypen, meist Kannen- und Bechervariationen, in erheblichem Umfang durch Fernhändler der Hanse weit verbreitet. Weil die qualitativ hochwertige Ware bessere Nutzungseigenschaften als die einheimischen Produkte besaß, erfreute sie sich vom 14. bis zum 17. Jahrhundert großer Beliebtheit. Wenngleich Trinkbehältnisse im Steinzeughandel mengenmäßig eine untergeordnete Rolle spielten, waren sie ein fester Bestandteil des religiösen Lebens. Aufgrund der hygienischen Vorzüge, den der feste Scherben bot, avancierten die Trinkflaschen zum Markenzeichen der Pilger. Wie es alte Bildnisse belegen, trug man die an Schnüren hängenden Behältnisse entweder am Körper oder am Wanderstab. Auf der Wallfahrt nutzte man die Flaschen nicht nur als Trinkbehälter, sondern auch für den Transport geweihter Flüssigkeiten. Seit dem Frühmittelalter holten Christen für den persönlichen Gebrauch wie auch für kirchliche Rituale Wasser und Öle aus Kultstätten des Mittelmeerraumes. Ein besonderes Pilgerziel war dabei der Fluss Jordan im Heiligen Land. Sein Wasser wurde in Gedenken an die Taufe Jesu als Heil- und Segensmittel sehr verehrt.

Ein religiöser Charakter kann auch den beiden, fragmentarisch erhaltenen Flaschen aus dem Neubrandenburger Franziskanerkloster zugestanden werden. Ihre Scherben traten an einer Stelle zutage, an der im Spätmittelalter ein Kapellenanbau stand. Ursprünglich gab es an der Nordseite der Klosterkirche drei derartige Räumlichkeiten. Sie beherbergten privat gestiftete Nebenaltäre, die Heiligen gewidmet waren. Vorstellbar ist, dass Bewohner der Stadt die Pilgerflaschen einst aus religiösen Gründen in der östlichsten Kapelle deponierten. Womöglich stand die fromme Geste im Zusammenhang mit einer glücklich verlaufenden Wallfahrt oder der Weihe einer gesegneten Flüssigkeit, die zur Sicherung des Seelenheils bzw. zum Erhalt der Gesundheit beitragen sollte.

Während der Reformation wurden die verschmähten römisch-katholischen Sakralgüter entfernt und die Nebenaltäre abgetragen. Anschließend dienten die Ausbruchstellen als Abfallgruben, in denen man neben den Pilgerflaschenresten ein Teil des Bauwerksschutts entsorgte.

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