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Kirchenregion Neubrandenburg

Verena von Samson, Hebräerbrief 13,2

Vergesst die Gastfreundschaft nicht; 
denn durch sie haben einige, 
ohne es zu ahnen, Engel beherbergt.
Hebräerbrief 13,2

Als ich das erste Mal vom Hebräerbrief in einer Predigt hörte, war ich zugleich so beeindruckt wie verunsichert. Keine Predigt für Anfänger, dachte ich. Der Kirchenvater Origenes sagte schon: „Gott allein weiß, wer diesen Brief geschrieben hat.“ So habe ich den Eindruck, hier zieht sich einer zurück und verbirgt sich hinter einer Wolke von Zeugen, die je für Gottes Handeln in teils sehr langen Beweisgängen uns vor Augen geführt werden. Ganz anders aber am Briefende: hier werden wir ermahnt, zu handeln. Sehr einfach, sehr präzise. Und wieder begegnen uns, ohne dass wir es ahnen: Engel. Boten Gottes. Ihre Namen tragen sie als Frage oder als Eigenschaft mit sich: Michaél: Wer ist wie Gott? Der Erzengel Gabriel – Meine Kraft ist Gott – hat schon im Buch Daniel einen gewaltigen Einfluss in den politischen Auseinandersetzungen der Zeit. Dem gegenüber spielen die Engel im Hebräerbrief nur die zweite Geige: Schon am Anfang steht die Frage: Zu welchem Engel hat Gott jemals gesagt: Du bist mein Sohn? Oder zu welchem Engel hätte Gott gesagt: Setz dich zu meiner Rechten? So argumentiert der Autor mit der Schrift und Altersbeweisen aus dem Alten Testament. Das Ziel ist: als Summe alles in einem Bekenntnis zu bündeln: Jesus Christus: gestern, heute und derselbe auch in Ewigkeit. Dem sind nicht nur alle Engel untergeordnet. Sie verkünden Gottes Wirklichkeit, sie sagen eine neue Zeit an, sie singen den Lobpreis. Aber sie sind nicht im eigenen Namen und für eigene Programme unterwegs. Paulus kann sogar sagen: Ich bin gewiss, dass weder Engel, Mächte, noch Gewalten noch irgendeine Kreatur uns trennen kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist. Über dem Trinitatisfest schwebt das „Heilig Heilig Heilig ist der HERR Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll“, der Lobpreis der Engel aus Jesajas Berufungsvision sogar in der etwas entlegenen Kirche zu Wildberg. Aber Trinitatis braucht als Fest, um anschaulich zu werden, die vielen Sonntage nach Trinitatis, ja fast ein halbes Jahr, um den Glauben zu entfalten. Zu Weihnachten haben es die Engel ganz leicht: Ein Kind wird geboren, wie Luther sagt: Da erwischt man Gott als Schöpfer auf frischer Tat. Das begreift jeder. Die Botschaft an die Hirten „Fürchtet euch nicht, siehe, ich verkündige euch große Freude“ – ja, es ist dem ganzen Volk widerfahren; Und es braucht nur ein profanes Zeichen: Windeln. Das heißt doch im Gegenzug auch: Engel können Dinge verbergen und im Gegenzug sichtbar machen - ohne dass wir es ahnten, haben wir Engel beherbergt. Den Hirten war das plausibel, denn die Klarheit des Herrn umleuchtete sie auf dem Feld bei Bethlehem. Gastfreundschaft vergesst nicht! Auch unsere Herberge muss ja nicht aus Stein gebaut sein, vielmehr beherberge ich ja viele Gedanken und trage manches im Herzen. Dort also Platz zu machen für Menschen, die sich als Engel erweisen können: Ja, das ist keine besondere Kunst, dennoch ist es eine Kunst, das Wesentliche im Leben in ein Bild zu formen. Berühmt geworden ist das Bild „Angelus Novus“ von Paul Klee. Der Philosoph Walter Benjamin hat über diesem Blatt, das er vom Künstler Paul Klee erwarb, meditiert. Klee sei der einzige moderne Maler, der ihn berühre. Ja, dieser Angelus Novus wird zum Begleiter dessen, was Walter Benjamin „Über den Begriff der Geschichte“ schreibt. Der Engel der Geschichte wird weggeweht. „Ein Sturm weht vom Paradies her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, dass der Engel sie nicht mehr schließen kann.“ Die Geschichte dieses „Angelus novus“ ist weiter gegangen. Viele haben dieses Bild aufbewahrt, immer mit dem Wissen, dass es von unserer europäischen Geschich-te kündet, von den Trümmern, die die Kriege aufeinander türmen, von dem Leid, das mit dem Leben verbunden ist. Der Engel selbst kann nicht heilen, aber er weist auf Gott, der in Jesus Christus das Leiden durchgetragen hat. Wir haben ein Gefühl dafür, wenn wir uns nicht nur manches zu Herzen nehmen, sondern auch unser Herz über die Hürde werfen, Gnade erfahren, Barmherzigkeit walten lassen. Als Jürgen Fliege noch im Fernsehen die Engel wieder nach vorn brachte, schloss er immer mit dem Satz: „und passen Sie gut auf sich auf!“ Das ist nie falsch. Aber getrost können wir mit Luthers Morgen- und Abendsegen Gottes Geistesgegenwart für uns erbitten: Denn ich befehle mich, meinen Leib und Seele und alles in deine Hände. Dein heiliger Engel sei mit mir, dass der böse Feind keine Macht an mir finde.  

Pastor Bernhard Hecker

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