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Kirchenregion Neubrandenburg

Es war Liebe auf den ersten Blick. Na ja, um ehrlich zu sein auf den zweiten, aber länger hatte es wirklich nicht gedauert. Eine knappe Woche nach der ersten Begegnung waren sie ein Paar, ein Vierteljahr später verlobt, inzwischen sind sie seit fast 23 Jahren zusammen, 19 Jahre davon als Ehepaar. Die erste Zeit waren sie unzertrennlich, und wenn man sich trennen musste, weil man noch nicht am selben Ort wohnen konnte, dann gab es Tränen. Briefe wurden geschrieben und nach den Telefonaten traute sich keiner den Hörer als erstes aufzulegen, um die Verbindung nicht zu trennen. Eine Liebe, die kaum steigerungsfähig erschien. Inzwischen hat sich vieles geändert, es gibt keine Tränen mehr, wenn einer für ein paar Tage weg muss. Briefe werden auch nicht mehr geschrieben, die Textnachrichten auf dem Mobiltelefon sind kurz und enthalten nur das Nötigste. Jeder weiß, was er am anderen hat auch ohne, dass man ständig miteinander kuscheln muss wie in der Blütezeit der Liebe. Und vielleicht ist der Gedanke mit der Blüte, aus der sich eine Frucht entwickelt, ein schönes Bild für die Entwicklung so einer Liebe. Liebe verändert sich mit den Jahren. Ihr Ausdruck wird anders. Gemeinsame Erfahrungen kommen mit den Jahren hinzu, neue Erkenntnisse. Und aus der Blüte der Anfangszeit sind längst die Früchte der Liebe hervorgegangen. Die Kinder gehen in absehbarer Zeit aus dem Haus. Und danach wird es wieder anders werden mit der Liebe.

Liebe, so tief sie auch sein mag, verändert sich im Laufe einer Beziehung. Liebe ist nicht gleich Liebe. Sie ist bei allen Menschen, die sich lieben, anders, denn Liebe gibt es in vielen Beziehungsmöglichkeiten. Es gibt sie zwischen zwei Partnern, die sich finden, zwischen Kindern und Eltern, Eltern und Kindern und manchmal auch in Beziehungen, die darüber hinausgehen. Liebe ist die stärkste Form von Zuneigung und Wertschätzung, die wir Menschen einander entgegenbringen können. Paulus schreibt im Philipperbrief, dass er darum bete, dass die Liebe immer noch reicher werde an Erkenntnis und an Erfahrung zwischen euch. Liebe ist ein Prozess, der niemals abgeschlossen ist, und mit den Erfahrungen, die wir Menschen machen, verändert sich auch die Liebe. Wie aus der Blüte eine Frucht wird, so kann aus der Verliebtheit des Anfangs eine Liebe werden, die alles miteinander teilt, die alles miteinander trägt. Das ist kein Automatismus, das ist keine Selbstverständlichkeit. Es ist vor allem ein Geschenk, ein Geschenk, das sich die Liebenden immer wieder selbst machen müssen. Sie müssen sich immer wieder neu einander anvertrauen. Und trotzdem sind Geschenke letzten Endes doch unverfügbar. Und so mancher ist in seiner Liebe enttäuscht worden und die Schmerzen einer enttäuschten Liebe sind unermesslich. Paulus weiß, dass nicht alles in der Hand von uns Menschen liegt, er weiß, dass wir oft mehr wollen als wir können und er weiß, dass die Liebe eine Geschenk ist, das uns unverfügbar ist. Deshalb betet er, dass diese Liebe wachse und reicher werde an Erkenntnis und Erfahrung. Wenn er betet, dann wendet er sich an Gott mit der Bitte um Erfüllung, weil er weiß, dass wir Menschen die Liebe nicht selbst machen können, dass sie sich ereignet zwischen Menschen als ein ganz großes, aber unverfügbares Geschenk. Und wo sich Liebe zwischen Menschen ereignet, da erfüllt sich das Leben! Und die Erkenntnisse und die Erfahrungen eines Lebens verändern die Liebe. Die Liebe bekommt mit den Jahren eine andere Qualität, sie verändert ihr Gesicht und ihren Ausdruck, ohne dass sie geringer wird. Wirklich erfüllte Liebe bleibt nicht in der Verliebtheit des Anfangs stecken, sie entwickelt sich und kommt zur Reife und Vollendung durch Erkenntnis und Erfahrung.

Damit ist nicht nur die Liebe zwischen Menschen gemeint! Auch unsere Beziehung zu Gott ist eine Liebesgeschichte, die sich entwickelt. Auch unser Glaube ist nicht mehr unser Kinderglaube, wenn wir älter werden. Erkenntnis und Erfahrungen verändern uns und unseren Glauben. Und wir alle reifen an den Erfahrungen unseres Lebens auf dem Weg, der uns zu Gott führt. Und mit jeder Erkenntnis und mit jeder Erfahrung kommen wir Gott näher!

Ralf von Samson

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