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Kirchenregion Neubrandenburg

Ältester Jüdischer Friedhof Europas in Prag

Jüdischer Friedhof in Jerusalem auf dem Ölberg

Tod und Sterben im Judentum

Wenn Menschen sterben, beginnt für Angehörige und Verwandte eine schwere Zeit, eine Zeit der Trauer und des Abschieds. Religionen versuchen ganz besonders in schwer auszuhaltenden und schwer zu verstehenden Situationen Erklärungen zu liefern, zu begleiten und zu trösten. Im (orthodoxen) Judentum findet sich eine Vielzahl an Regelungen, Ritualen und Ordnungen, die den Angehörigen Halt geben, trösten und Orientierung in der schweren Phase der Trauer ermöglichen sollen.

Im Judentum wird an eine leibliche Auferstehen am jüngsten Tag geglaubt (Jes. 25,8; Dan. 12, 1-3). Dass der Körper unter der Erde vergeht, steht dazu nicht im Widerspruch (Koh. 12,7; Hiob 19, 25-27), denn im Zentrum steht das Bewusstsein über eine permanente geistige Gemeinschaft mit Gott (Ps. 16,10).

Liegt ein Mensch im Sterben, soll er in seinen letzten Lebensstunden seine Sünden vor Gott bekennen, seine Kinder segnen (1. Mose 25,9-11) und der Abschied soll würdig begangen werden. Ist der Tod eingetreten, wird dem Verstorbenen eine Feder auf die Oberlippe gelegt. Wird diese nicht von einem Atemzug weggepustet, ist der Tod eingetreten und der Satz „Gepriesen sei, der richtet in Wahrheit“ wird gesprochen. Die Füße des Toten sollen nun in Richtung der Tür zeigen, aus der der Leichnam später getragen wird. Es beginnt eine Zeit der Totenwache, in der der Tote niemals allein gelassen werden darf. Am Ende des Kopfes wird eine Kerze entzündet. Alle Spiegel werden verhängt, um keine zweite Leiche, also das Spiegelbild des Toten, im Raum zu sehen. Alles stehende Wasser im Haus wird ausgegossen (2. Sam 14,14). Der Körper des Toten wird versorgt, wobei ihm die menschliche Schönheit wiedergegeben werden soll. Die Augen werden verschlossen, der Unterkiefer wird festgebunden und die Leiche wird auf den kühlen Boden gelegt und mit einem weißen Leinentuch (Tachrichim) abgedeckt, um Verwesungsprozesse bis zur Beerdigung hinauszuzögern. Zuvor wird eine Totenwaschung (Taharah) durchgeführt, wenn möglich am aufgerichteten Körper. Während der Waschung werden die Worte „Oh glückliches Israel, vor wem reinigt ihr euch? Ist es nicht euer himm-lischer Vater, der euch reinigt?“ gesprochen. Die Waschung wird dabei von einer besonderen Begräbnisbrüderschaft (chewra kadische) durchgeführt. Männlichen Verstorbenen wird eine Mütze, ein Hemd eine Hose mit Gürtel und Socken angezogen. Mit einem Gebetsschal (Tallit), bei dem die Schaufäden (Zizit, diese sollen an die 613 Ge- und Verboten erinnern, deren Befolgung einem Toten nicht möglich sind) abgeschnitten wurden, wird er anschließend bedeckt. Weibliche Verstorbene tragen eine Haube, ein Kleid, Gürtel und Strümpfe.
Die Beerdigung soll zwischen dem 1. und 3. Tag nach Eintreten des Todes geschehen. Eine einfache Holzkiste oder ein einfacher, schmuckloser Sarg soll jeden Totenkult vermeiden. In Israel wird der Leichnam nur in einem Leinentuch der Erde übergeben. Wird ein Gläubiger außerhalb von Israel, dem heiligen Land, beerdigt, soll dem Toten ein Säckchen mit israelischer Erde unter den Kopf gelegt werden. Bei der Beerdigung wird die Leiche von den Trauernden bis zur Andachtshalle begleitet. Als Zeichen der Trauer reißen sich die Angehörigen ein Stück ihrer Kleidung ein und jemand, der den Verstorbenen gut kannte, hält die Abschiedsansprache (Haspet). Der Weg zum Grab, welches erst am Tag der Beerdigung ausgehoben werden darf, wird drei mal unterbrochen, um Worte des 91. Psalms zu sprechen. Es werden keine Blumen oder Kränze niedergelegt, um auch dadurch einen Totenkult zu vermeiden. Alle Anwesenden schütten drei Schaufeln Erde auf den Sarg, wonach von einem nahen Verwandten das Kaddisch-Gebet (Segen) gesprochen wird. Beim Verlassen des Friedhofes werden die Hände gewaschen, aber nicht abgetrocknet.
Nach der Beerdigung beginnt für die Familie das einwöchige Schiwa-Sitzen. In dieser Zeit dürfen sich die Angehörigen ganz ihren Gefühlen hingeben, trauern. Diese Zeit ist einigen Regeln unterworfen, welche sie von der Gesellschaft trennen sollen. Das Haus darf nicht verlassen werden, die Trauernden sollen ihre Kleidung nicht wechseln, sich nicht waschen, ihre Nägel nicht schneiden, sich nicht rasieren, kein Makeup tragen, sich keine Haare schneiden, nicht arbeiten, sich nicht baden und keine Thora-Studien betreiben, da diese Freude bringen. Auch ehelicher Verkehr ist verboten. Durch den Schabbat wird die Trauerzeit unterbrochen, denn es gilt das Recht des Lebens über den Tod. Ein hoher Feiertag (Jom Tov) beendet die Trauerzeit. Freunde und Angehörige versorgen das Trauerhaus mit einfachen Speisen, die Familie wird nie allein gelassen. Besucher sprechen zur Begrüßung „Der Herr möge dich trösten vor den Engeln des Herrn und den Toren Zions, und möge euch kein weiteres Leid treffen!“ Um das Kaddisch-Gebet zu verrichten, muss sich ein Minjan (mind. 10 Männer, auch nötig, um einen jüdischen Gottesdienst in der Synagoge zu feiern) im Trauerhaus versammeln.
Nach der Schiwa-Woche beginnt eine 30-tägige Trauerzeit, nach deren Ablauf die Zurschaustellung der Trauer nicht mehr erwünscht ist. Das Grab darf erst nach diesen 30 Tagen besucht werden, auf das zum Gedenken an den Toten Steine gelegt werden. Am Todestag wird für 24 Stunden eine Kerze entzündet. Ein jüdisches Grab wird niemals entfernt, was mit dem Glauben an die Auferstehung erklärt werden kann. Es ist unvergänglich, genau wie die Steine auf dem Grab.

Melanie Beyer

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