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Kirchenregion Neubrandenburg

Und führe uns nicht in Versuchung, …

Thema: Das Vaterunser

Jonas ist mit dem Rad unterwegs. Auf seinem Rücken drücken der Laptop und ein paar Bücher. Die Bibliothek ist sein Ziel. Hausarbeit schreiben seine Mission. Vor der Tür noch schnell eine Zigarette geraucht, einen Kommilitonen begrüßt. Sie lachen, genießen den Moment in der Sonne, und dann geht es rein in die Gänge aus Regalen und hin zu den Arbeitsplätzen. Ruhe ist hier geboten. Laptop aufbauen, alles anstöpseln, Buch aufschlagen. Wo war er gestern stehen geblieben? – Ach ja. Aber erst einmal E-Mails checken. Danach dann anfangen… Nichts Besonderes zu finden. Also wieder Buch aufschlagen. Heute muss doch ein Kapitel geschafft werden, denkt Jonas bei sich. Aber da blinkt das Mobiltelefon. Die Versuchung ist groß. - Schauen, wer geschrieben hat, was es Neues gibt?

Versuchung – ist der starke Wunsch, etwas zu tun, das man nicht tun sollte. Das ist eine Definition von Versuchung. Was können wir heute noch Versuchung nennen?

Außer eine, über die man lächelt. M… - die zarteste Versuchung, seit es Schokolade gibt. Essen und Trinken, Faulheit, die Zigarette, wenn man aufhören will, gehören landläufig zu Versuchungen unseres Lebens. Im Verlauf des Vaterunsers fällt diese Bitte ein wenig aus dem Rahmen. Positiv formuliert waren die Bitten, die vorangegangen sind. Sie zeigen das Streben danach, dass es mit und bei Gott anders sein kann. Sie zeigen Gott als einen Gebenden, der für den Menschen sorgt mit Brot und Vergebung. Und dann wird diese Bitte angefügt: Und führe uns nicht in Versuchung, …

Diese Bitte gesteht ein, dass im Moment der Ausrichtung auf Gott, was im Gebet geschieht, wir uns bewusst sind: Leben bedeutet nicht nur Leben und Handeln in Gottes- und Menschennähe, sondern es bedeutet auch gebunden oder gar gefangen zu sein. Das Leben bringt mit sich, dass wir uns auf Abwegen befinden. Kehren wir zu der Begebenheit vom Anfang des Artikels zurück, dann können Erfindungen, Neuerungen wie das Internet und das Mobile Netz, die einerseits Freiheit bedeuten, andererseits auch zur Versuchung werden. Sie nehmen uns gefangen und lenken von dem ab, was gerade dran ist. Das kann das Arbeiten an einer Hausarbeit sein, aber auch ganz schlicht einen Moment wach wahrnehmen, da sein bei den Menschen, die grad in meiner Nähe sind, ihnen Aufmerksamkeit schenken oder einfach einmal Ruhe zulassen.

Ein Künstler, der gerade in Berlin in der St. Matthäus-Kirche im Kulturforum ausgestellt wird, zeigt auf verschiedenen Bildern einen Menschen bei der Suche nach Freiheit und Bewegung, aber auf dem Weg aus Alltagsszenen heraus, nehmen ihn Kabel immer wieder gefangen. Vielleicht ein Bild für Versuchung heute, für das Gebunden sein, sich angezogen fühlen von Dingen, die uns auf Umwege führen.

In den Vereinigten Staaten gab es einmal ein Experiment, das mit der Versuchung gespielt hat und danach gefragt hat, was hindert uns, einer Versuchung nachzugeben. Die amerikanische Tradition an Halloween, an den Haustüren nach Süßigkeiten zu fragen, hat schon den weiten Weg über den Atlantik nach Deutschland gemacht. Vor einiger Zeit interessierten sich Forscher für diese Kinder - aber nicht für ihr Betteln, was sie veranstalteten, um an Süßigkeiten zu kommen - sondern sie besprachen mit den Frauen des Hauses, die Kinder in Versuchung zu führen. Vor den Häusern waren Körbe aufgestellt. Die Frauen erlaubten den Kindern, je einen einzigen Bonbon zu nehmen. Nach dieser Ansage gingen sie zurück in ihre Häuser. Damit lagen die Entscheidung und die Versuchung bei den Kindern. Belassen sie es bei einem Bonbon oder greifen sie ungesehen noch einmal kräftig zu. Das Verhalten der Kinder gestaltete sich ganz unterschiedlich, denn es gab zwei Situationen: Hinter manchen Körben waren Spiegel aufgebaut, hinter anderen nicht. Ohne Spiegel stibitzten sie gern, mit Spiegel schreckten sie davor zurück.

Manchmal passt die Versuchung nicht in das Bild, das ich von mir habe, und ich brauche jemanden, der es mir im Spiegel zeigt.

Pastorin Charlotte Kretschmann

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