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Kirchenregion Neubrandenburg

„Unser tägliches Brot gib uns heute“

Der ältere Herr nimmt das Brot in den Arm. Er drückt es an sich. Zärtlich fast, als sei es unendlich kostbar. Er schneidet eine Scheibe ab. Das Messer geht zum Herzen. Fingerdick wird die Scheibe und krumm an den Kanten. So hat schon seine Mutter für ihn und seine Geschwister die Stullen geschnitten. Die krumme Stulle mit ein wenig Butter hauchdünn bestrichen - nach dem Krieg ist das ein Festmahl gewesen. Bis auf den letzten Krümel haben sie das Brot aufgegessen. Es tut ihm weh, wenn heutzutage das Brot in der Plastiktüte aus dem Supermarktregal nach einer halben Woche Schimmel ansetzt und er es in den Müll werfen muss.

Die vierte Bitte des Vater-Unser-Gebetes erinnert im reichen Deutschland des Jahres 2017 daran, dass der Überfluss unserer Brotregale im Supermarkt ein beispielloses Glück darstellt. Die Älteren in Neubrandenburg und auf den Dörfern können sich noch an eine andere Zeit erinnern: Mit Hunger sind sie ins Bett gegangen. Mit Hunger sind sie aufgewacht. Wer in einem feuchten Keller noch Kartoffeln gefunden hat, war glücklich. Das Brot, was es gab, wurde aufgegessen. Das wenige Fleisch war ein Festmahl.

Heute dagegen besteht die Qual vor allem in der Frage: Welches Brot, welcher Käse, welche Avocado-Sorte soll es diesmal sein? Das ganze Jahr über gibt es Roggenmischbrot, Dinkel-Sesam-Brötchen, glutenfreies Mais-Knäcke und für die vermeintlich ganz gesunde Lebensweise Grünkohlsmoothie mit Chia-Samen. Essen ist längst von einer Frage des Überlebens zu einer Frage des persönlichen Lebensstils geworden: Bin ich ein progressiver Bioveganer oder eine Führungsfrau aus dem Fleisch-ist-mein-Gemüse-Land? Natürlich braucht es die Debatte um eine gute Landwirtschaft und angemessene Formen der Tierhaltung. Aber über die Intensität, mit der im Fernsehen um die moralisch richtige Form der Ernährung gestritten wird, machen Leute in anderen Weltteilen große Augen. Und während das „altbackene“ Brot der Großbäckereien in Heizkraftwerken verfeuert wird, haben auch in deutschen Städten einige Kinder keine ausgewogene warme Mahlzeit am Tag. Das gerät im Streit, ob nun das Keimling-Zucchino-Päckchen oder das Nackensteak auf den Grill kommt, immer mal wieder in Vergessenheit.

Das Vater-Unser-Gebet holt uns auf den Boden der Tatsachen zurück. Zum einen zeigt es uns, wie reich wir in unserer Gesellschaft beschenkt sind. Wenn Christinnen und Christen in Deutschland im Jahr 2017 angesichts der Fülle im Discounterregal trotzdem um das tägliche Brot bitten, liegt darin eine Haltung von Demut: Wir wissen, es kann auch anders sein. Es ist alles andere als selbstverständlich. In dieser Demut arbeiten Christinnen und Christen dafür, dass auch diejenigen die in unserem Land Mangel leiden, satt werden können. Ob es dabei nun buchstäblich um Lebensmittel wie Milch und Haferflocken geht oder um Mittel zum Leben wie Anerkennung, Bildung und einen Kinobesuch. Gemeinsam mit der Aktion Brot für die Welt unterstützen sie auch die Überwindung der Lebensmittelknappheiten in Teilen Afrikas und Südostasiens.

Zum anderen sind wir eingeladen zu vertrauen, dass Gott uns in allen Lebenslagen beisteht. Wie Jesus es gesagt hat: Euer himmlischer Vater weiß, was ihr braucht, noch bevor ihr es selbst wisst.

Martin Doß

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