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Kirchenregion Neubrandenburg

Vater unser im Himmel

„Was ist das?“ fragt Luther im Kleinen Katechismus und antwortet: „Gott will uns damit locken, dass wir glauben sollen, er sei unser rechter Vater und wir seine rechten Kinder, damit wir getrost und mit aller Zuversicht ihn bitten sollen wie die lieben Kinder ihren lieben Vater.“
Schon gleich mit der Anrede „Vater“ wird das Verhältnis klar, in dem wir zu Gott stehen: es ist ein väterlich– kindliches. Wir dürfen Gott Vater nennen, wir sind seine Kinder.

Nun mag das Verhältnis zum eigenen Vater von sehr unterschiedlicher Natur sein, liebevoll, kritisch, vertrauensvoll, ablehnend und manchmal von großem Schweigen geprägt. Genauso kann das Verhältnis zu Gott, unserem Vater, sein. Kinder sehen ihre Väter (und Mütter) oft überaus kritisch, nichts können sie richtig machen, zumindest in einem bestimmten Alter sind Eltern nur peinlich. „Hol mich bloß nicht direkt von der Party ab, es muss dich ja nicht jeder sehen.“ Der Glaube an Gott kennt das auch: bloß nicht zeigen, dass man zu Ihm gehört. Nur, dass es diesmal nicht am Vater liegt und auch nicht an dem, was er sagt oder tut, sondern eher an der eigenen Einstellung dazu oder weil im eigenen Lebensentwurf gerade kein Platz für Gott zu sein scheint. Dabei ist im Vaterunser nicht von einem strengen Vater die Rede, sondern von dem, in dessen Arme man sich vertrauensvoll werfen kann, so wie sich der verlorene Sohn bei seiner Heimkehr in die weit geöffneten Arme des Vaters geworfen hat (Lk.15, 11-32). Abba - so heißt das Wort für „Vater“ im Aramäischen, es ist das Wort, dass Jesus hier gebraucht hat. „Abba“ gehörte wahrscheinlich zum ersten Wortschatz eines Kindes, entsprechend unserem „Papa“. Wenn ein Kind sich noch nicht so ganz verbal äußern kann, für Papa und Mama reicht es oft schon aus. Wie oft können wir unsere Bitten an Gott nicht in Worte fassen, stammeln oder schweigen nur. Abba-Vater, mehr braucht es eigentlich nicht, Gott weiß Bescheid. Im Vaterunser gehen wir ein sehr persönliches Verhältnis zu Gott ein und er zu uns. Wie oft beten wir im Gottesdienst: Herr, unser Gott…, das ist auch in Ordnung, aber etwas distanzierter. Wo wir Vater sagen, flüchten wir uns in die weit geöffneten Arme Gottes, der uns erwartet und längst weiß, was wir sagen wollen.
Aber dieser liebevolle Vater gehört nicht mir allein. In der „Familie Gottes“ bin ich kein Einzelkind, durch die Taufe und den Glauben an Jesus Christus gehören viele dazu. Das ist schön, macht es aber nicht immer leicht: Geschwister mögen sich und manche mögen sich auch nicht, ja mitunter sind sie heillos zerstritten. Das kann in der Familie Gottes auch vorkommen. Aber Gott hat ein großes Herz mit viel Platz für uns alle. Als der Theologe Karl Barth einmal gefragt wurde: „Herr Professor, werden wir im Himmel auch unsere Lieben wiedersehen?“, da antwortete er: „Ja, aber auch die anderen.“ Es wäre vielleicht ganz gut, sich hier auf Erden schon mal mit denen, die uns nicht so nett und sympathisch erscheinen, zu arrangieren, denn im Himmel werden wir ihnen nicht ausweichen können.

Und da wären wir noch beim Himmel: Vater unser im Himmel - klar, wo denn sonst, denn wo immer Gott ist, da ist der Himmel.                                       

Erika Gebser

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