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Kirchenregion Neubrandenburg

Uwe Moser, AdobeStock

Was treibt mich an?

Seit einiger Zeit spiele ich mit dem Gedanken, mir ein Elektrofahrrad zu kaufen. Was mich besonders daran reizt, ist die Kombination aus Eigenantrieb und Unterstützung mittels Motor.
Die meisten E-Bikes brauchen den Impuls des Fahrers. Ohne Treten passiert gar nichts. Nur wenn die Pedale durch Deine Muskelkraft bewegt werden, schaltet sich der Motor zu.
Aber dann geht es wie von selbst. Dann können Steigungen kommen und Gegenwind. Beflügelt durch die Technik überwindest Du mühelos große Distanzen. Du lehnst Dich zurück und genießt die Landschaft…
Im Leben ist es auch wie beim E-Bike-Fahren. Beides ist wichtig. Der innere Antrieb und die Erfahrung, dass wir nicht alles aus eigener Kraft alleine schaffen müssen.
Wichtig ist es, einfach anzufangen. Den ersten Impuls zu geben. Aber dies ist manchmal gar nicht so leicht. Was hindert mich? Was treibt mich an?
Da sind Wünsche und Träume, die Sehnsucht nach einem Leben, wie ich es mir vorstelle. Diese Träume treiben mich an, auch wenn sie manchmal unerfüllt bleiben. Ich habe nach der Schule vier Jahre als Hilfskraft im Krankenhaus gearbeitet. Genährt hat mich der Traum, Medizin zu studieren. Daraus ist trotz hartnäckiger Bewerbung nichts geworden. Manchmal reicht die Sehnsucht, um uns eine ganze Weile bei der Stange zu halten…
Da sind Potentiale in uns, die wir spüren. Irgendetwas, was mir liegt, was ich gut kann. Bei manchen sind dies Spezialtalente: Musikalität, Zahlenaffinität. Bei manchen sind es eher sogenannte Softskills wie Zuhören können, die Ruhe bewahren, Charisma….
Ich kann nichts perfekt aber dafür vieles ein bisschen: Ein paar Stücke auf dem Klavier spielen, ein bisschen Geige. Es fällt mir nicht schwer, einen Text zu schreiben. Mir liegt es, mit anderen zusammen Projekte ins Leben zu rufen.
Genutzte Potentiale lassen uns über uns hinaus wachsen.
Da sind Erinnerungen. Familie und Kindheit, Wege, die wir gegangen sind, Menschen, die uns geprägt haben. All dies gibt mir Identität, macht mich zu dem, was ich bin und was mich treibt. Sie sind wie Rückenwind, die den Antrieb verstärken.
Da sind Verletzungen, die manchmal mächtiger sind als gute Erfahrungen. Die hemmen mich wie Gegenwind, bremsen mich aus. Bei mir schwingt immer mal noch die DDR nach. Überall, wo Macht, falsche Autoritäten und Zwang im Spiel sind, gehen bei mir die Alarmglocken an… Die sind aber auch Triebkraft, die in uns ein vehementes „Nie wieder!“ hervorrufen und uns ermutigen, für eine gerechte Gesellschaft einzutreten.
Da sind unsere Rollen und Zugehörigkeiten, die uns strukturieren und Halt geben. Die sind wie ein Haus, in dem wir uns gut auskennen. Sie sind heimatlicher Boden, der uns erdet. Sie verhindern, dass die Pferde mit uns durchgehen, dass wir über das Ziel hinausschießen.
Gut zu wissen, dass nicht alles von uns abhängt. Wir sind eingebettet in ein Netz von Beziehungen, das uns Hilfe und Unterstützung bietet. Und: Unser kleines Menschenleben ist aufgehoben in einem größeren Sinnzusammenhang. Wie wunderbar entlastend!
Ja. Ich kaufe mir ein E-Bike. Dann spüre ich mich und meine Kraft. Aber es hängt nicht alles von mir ab. Wie im Leben…

Eva-Maria Geyer
Haus Prillwitz

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