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Kirchenregion Neubrandenburg

Thema: Das Vaterunser

„Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit
in Ewigkeit. Amen“

Wenn man Diskussionen über die Freigabe der Sterbehilfe in Deutschland verfolgt, so kann man schnell feststellen, dass jeder Diskussionsteilnehmer, der zu so einer Diskussion geladen wird, eine andere Meinung hat als der andere. Und diese Meinung soll möglichst konträr zur Meinung des anderen stehen, da wird ein Arzt eingeladen, der dagegen ist, dann gibt es jemanden, der eine Tante unter schwierigen und unwürdigen Umständen hat sterben sehen, dann gibt es die Pflegekräfte, die so etwas begleiten und aus ihren Erfahrungen sprechen, und diejenigen, die die völlige Autonomie des Menschen propagieren, jeder Mensch solle selbst wissen, was am besten für ihn sei. Am Ende gehen alle wieder nach Hause mit derselben Meinung, die sie am Anfang hatten, man kommt sich nicht näher. Hintergrund ist auch ein unterschiedliches Verständnis von Leben. Was ist das Leben, wo kommt es her? Bin ich irgend Jemandem verantwortlich für mein Leben oder muss und kann ich das alles mit mir selbst ausmachen?

Das Vaterunser gibt am Ende nach all den sieben Bitten, mit denen wir Gott um etwas gebeten haben, eine ganz klare Antwort auf diese Fragen. „Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen“
Beten ist mehr als Bitten, es geht beim Gebet nicht um einen Weihnachtswunschzettel für all das, was wir gerne hätten.
Das Vaterunser endet nicht mit der Vorstellung, dass Gott uns unsere Bitten erfüllen soll, dass er unsere Ansichten teilt, von dem was gut für uns ist. Es endet mit dem Lob Gottes. Dass wir am Ende alles, was wir von Gott erbitten, wieder in seine Hände zurück legen, ihm anvertrauen.
Wir erbitten nicht nur etwas von Gott, wir geben ihm auch etwas, wenn wir diese Zeilen beten, seine Ehre, sein Lob und erkennen damit an, dass Gott größer ist als wir selbst, dass wir nicht aus uns selbst leben, dass wir nicht selbst die Herren über unser Leben sind.
„Dein ist das Reich.“ Na klar hat jeder von uns sein Reich, seine vier Wände. Aber all dies ist nicht für die Ewigkeit. So mancher Mensch muss schmerzlich die Erfahrung machen, dass er aus seinem Reich vertrieben wird, weil es finanziell und gesundheitlich nicht mehr geht, oder denken wir an die vielen Flüchtlinge. Am Ende bleibt nur das eigene Leben, und auch das bleibt uns nicht für alle Zeit, auch dies müssen wir wieder in Gottes Hände legen. Denn dein ist das Reich...
„Und die Kraft“. Wer gibt uns die Kraft zum Leben, die Nahrung, die Sonne, den Tag und die Nacht, die Luft, das Wasser? Was davon haben wir Menschen gemacht? Nichts! Man kann sagen, es sei alles Zufall. Aber selbst Menschen, die dies glauben, wissen doch um die Zerbrechlichkeit, wissen um das Ange-wiesensein des Menschen auf eine intakte Umwelt. Wirkliche Lebenskraft kommt nicht vom Menschen, er ist nur der Empfänger.
„Dein ist die Herrlichkeit“. Wie oft in der Geschichte hat die Kirche gemeint, Gottes Herrlichkeit auf Erden durch äußeren Glanz erscheinen zu lassen, wenn die Kirchen immer größer wurden, die Altäre immer goldener. Und wie oft hat Kirche wirklich nur gelebt, wenn sie bescheiden und arm für den Nächsten da war. Gottes Licht in der Welt scheint im Dunkel und nicht in Pracht und Herrlichkeit!
Gottes Herrlichkeit scheint vor allem da, wo mit einem Menschen gebetet wird, wo ein Mensch getröstet wird, wo einer für den anderen da ist. Und wie herrlich hat Gott unsere Welt gemacht, wie vielfältig, wie vielfältig auch die Menschen.
„In Ewigkeit“. Der Lobpreis am Ende das Vaterunsers steht nicht in unserer Bibel drin, jedenfalls nicht im griechischen Urtext, erst ab dem Ende des zweiten Jahrhunderts. Es war üblich in der Antike, Gebete nicht einfach so enden zu lassen, es gehörte zu jedem Gebet ein Lobpreis dazu und es war völlig normal, dass nach dem Gebet so ein Lobpreis angefügt wurde. Sie kennen alle den Lobpreis des Engelchores aus der Weihnachtsgeschichte: „Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“ Aus dem Bewußtsein, von Gottes Macht, aus seiner Herrlichkeit und Gnade zu leben, kann der Mensch gar nicht anders als Gott zu loben.
Und das letzte Wort dieses Gebetes ist das Amen, so sei es. Auch dieses Amen kommt erst aus der späteren Überlieferung. Wer Amen sagt, macht sich dieses Gebet zu eigen, „das ist wahr und gilt gewiss“. Mit dem Ja und Amen vergewissern wir uns noch einmal, dass wir uns auf Gottes gnädige Zuwendung verlassen dürfen!
„Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott. Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!“ D. Bonhoeffer

Pastor Ralf von Samson

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