Der Christ Fritz Reuter

Im vorigen Jahr haben wir in vielen Veranstaltungen an Fritz Reuter gedacht. Sein 200. Geburtstag war der Anlass für besondere Ehrungen.

Fritz Reuter kam im Jahre 1856 als armer Hauslehrer nach Neubrandenburg. Für sieben Jahre war er Bürger unserer Stadt und Glied unserer Kirchgemeinde, befreundet mit dem Pastor an St. Johannis, Franz Boll. Als er nach sieben Jahren weiter zog nach Eisenach, war er ein weit bekannter und gefeierter Schriftsteller. Leider ist er heute vielen nur als Humorist und Heimatdichter bekannt. In vielen Vorträgen und Aufsätzen wurde 2010 seine herausragende Stellung in der Weltliteratur gewürdigt. Eine besondere Rolle spielte dabei sein Eintreten für Demokratie und soziale Gerechtigkeit. Weniger bekannt ist sein Verhältnis zum christlichen Glauben und zur Kirche, obwohl beides für sein Leben ganz wichtig war.
Seine Glaubenshaltung wird besonders deutlich an dem Grabspruch, den er schon über zwanzig Jahre vor seinem Tod formuliert hatte:
Der Anfang, das Ende,
o Herr, sie sind dein.
Die Spanne dazwischen,
das Leben war mein.
Und irrt ich im Dunkeln
und fand mich nicht aus,
Bei dir, Herr, ist Klarheit,
und licht ist dein Haus
Damit drückt er Wesentliches für sein Leben aus: Der frühe Tod seiner Mutter, die autoritäre Art seines Vaters und die Erfahrung langjähriger Haft hatten sein Leben geprägt und dazu geführt, dass er alkoholkrank wurde. Der vergebliche Kampf gegen diese Suchtkrankheit, die er als persönliches Versagen und Schuld empfand, ist es wohl besonders, was er mit den Worten „irrt ich im Dunkeln und fand mich nicht aus“ anspricht. Die Worte des Grabspruchs sind ein deutliches persönliches Glaubensbekenntnis. In seinen Schriften findet diese Glaubenshaltung vielfältigen Ausdruck.
Sein persönlicher Glaube war für Fritz Reuter nicht nur Privatsache. Mit wachem Bewusstsein griff er in die Probleme der evangelischen Kirche seiner Zeit ein. Der Kirchenbesuch war rapide zurückgegangen. Nicht selten mussten damals Gottesdienste ausfallen, weil sich kein Gemeindeglied eingefunden hatte. Die Versuche, die Kirche zu erneuern, waren sehr gegensätzlich: Da standen nebeneinander eine starre konservative Dogmatik, pietistischer Bekehrungseifer und die Versuche liberaler Theologie, die Glaubensinhalte den kritischen Gedanken der Zeit anzupassen. Fritz Reuters Stellung zwischen diesen Strömungen äußert sich in seinen Werken, aber auch durch aktives Eingreifen in die Diskussion.
Auf dem ersten „Deutschen Protestantentag“ diskutierten Theologen im Juni 1865 über diese Fragen. Reuter nahm an diesem Treffen teil und ergriff spontan das Wort, als von den kirchlichen Verhältnissen in Mecklenburg die Rede war. Die Hauptursache dieser Krise sei, dass die Kirche sich vom Volk entfernt habe. Die Kirchenleitung ebenso wie viele Pastoren seien abhängig geworden von den Fürsten-häusern und den Gutsherren. In Reuters Werken findet diese Haltung vielfachen Ausdruck: So in der „Stromtid“ durch die Schilderung der beiden Pfarramtskandidaten, des weltfremden „Bekehrers“ und des blutleeren Liberalen. Besonders schön die parodistische Darstellung in „Hanne Nüte“: Der „Konsistorialrat“, der angesehene Vertreter der Kirchenleitung als eitler „Kuhnhahn“ (Puter). In vielen Gestalten zeigt er lebendiges Gottvertrauen und daraus erwachsenes verantwortliches Handeln.
Ein Zeitgenosse Reuters hat einmal geäußert: Reuter habe „mit seinen Dichtungen für wahres Christentum mehr geleistet als alle orthodoxen Pastoren.“
Paul-Friedrich Martins
Fritz Reuter
geb. am 7. November 1810 in Stavenhagen;
gest. am 12. Juli 1874 in Eisenach;
Bild: Lithographie von Josef Kriehuber nach Haertel