Jerusalem, eine (un)heilige Stadt

Immer, wenn ich in Israel und Palästina unterwegs bin, fasziniert mich dieser Flecken unseres Erdballs stets aufs al-aksa moscheeNeue. Geografisch überschaubar, aber von unterschiedlichsten Vegetationszonen geprägt, leben dort Menschen, die sich als Juden, Christen, Muslime zu dem „allmächtigen, ewigen und einzigen Herrn, gepriesen sei sein Name“ (hebräisch: Jahwe, arabisch: Allah) bekennen.

Gleichsam wie in einem Brennglas kulminieren religiöse, kulturelle, politische und soziale Belange in der „Stadt Gottes“ - Jerusalem (hebräisch, Jeruschalajim - Stadt des Friedens; arabisch Al Quds - die Heilige). In der heutigen Millionenstadt Jerusalem leben Juden, Christen und Muslime in jeweils strikt abgeschlossenen Vierteln. Ein Miteinander der Bewohner scheint für den Besucher nur auf den ersten Blick zu existieren. Wer sich länger und intensiver in dieser „Stadt Zions“ aufhält, spürt auf bedrückende Weise, wie ein misstrauisches Nebeneinander und, plötzlich aufflammend, ein hasserfülltes Gegeneinander den Alltag der international nicht anerkannten Hauptstadt Israels ausmachen. Etwa 800 m über dem Meeresspiegel gelegen, ist das Tote Meer (bis zu 400 m unter dem Meeresspiegel) nur 25 km entfernt. Allein die Schönheit dieses Ortes, das warme Licht, die Bauten aus rosafarbenem Stein, die liebliche Lage in den Hügeln mit den grünen und silbrigen Kronen der Feigen- und Olivenbäume nehmen jeden Besucher gefangen. In Jerusalem - so kann ich es mir durchaus vorstellen - beginnt selbst der überzeugteste Atheist an Gott zu glauben. „Von Zion (Jerusalem) wird man sagen: Jeder ist dort geboren. Deshalb werden alle Völker beim Reigentanz singen: Alle meine Quellen entspringen in dir.“ (Psalm 87,5 ff).

Seit fast 2000 Jahren schließen die Juden außerhalb Israels ihr Pascha-Mahl mit den Worten der großen Hoffnung: „Nächstes Jahr in Jerusalem!“ Es ist die einzige Stadt der Welt, die gewürdigt wurde, Zeichen und Vorahnung des „neuen Jerusalem“, des „neuen Himmels und der neuen Erde“ zu sein (Vgl. Offenbarung des Johannes 21,2).

Alles an dieser Stadt ist einmalig: der Tempelplatz mit dem Felsendom (691 als Moschee über dem Allerheiligsten des 70 n. Chr. von den Römern zerstörten jüdischen Tempels errichtet), dessen goldene Kuppel den Felsen Moria überwölbt, auf dem Abraham, der Vater des Glaubens, seinen Sohn Isaak zu opfern bereit war, - die Grabeskirche, die die ehrwürdigsten Stätten der Christenheit birgt, der Felsen Golgota, Ort der Kreuzigung Jesu, und das Grab der Auferstehung Christi. Und die El-Aksa- Moschee gegenüber dem Felsendom, dem drittheiligsten Platz der Muslime, weil der Prophet Muhammad nach Überzeugung der Gläubigen von Mekka und Medina aus mit einem Pferd durch die Nacht zu einem Besuch des Tempelberges geflogen sei.

Heute ist für Juden und Christen aus der ganzen Welt der Westteil der Umfassungsmauer des ehemaligen Tempelkomplexes, die „Klagemauer“, ein Ort des Gebetes und des Nachdenkens über die schwierige Geschichte von Juden und Christen im alten Europa. Orthodoxe Juden (Männer und Frauen sind getrennt voneinander) beten an ihrem Mauerabschnitt in der Gewissheit, dass der Gott Abrahams und Isaaks ihnen hier ganz besonders nahe ist. In der historischen Altstadt leben vornehmlich palästinensische Muslime und Christen. Seit der Befreiung Ostjerusalems (im 6-Tage-Krieg 1967 eroberte die israelische Armee das Westjordanland mit Ostjerusalem von Jordanien) wurden unter den von der Knesset (hebräisch: Versammlung), dem israelischen Parlament, gebildeten Regierungen immer wieder arabische Gebäude in diesem Stadtteil zerstört und durch von Israelis bezogene Neubauten ersetzt. Auch unter dem gegenwärtigen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu wird durch den Bau von weiteren 240 Wohnungen für Israelis Unfriede in Ostjerusalem gesät. Das Gesicht der Stadt mag sich kaum verändern, aber der Geist der Heiligkeit kippt in den Ungeist von unheiliger Besatzermentalität um.

Jerusalem ist und bleibt eine Reise wert. Fürbitte für Juden, Christen und Muslime in dieser Stadt der 3 Weltreligionen sollte auch von uns Christen in Neubrandenburg und in ganz Mecklenburg-Vorpommern stets aufs Neue vor unseren gemeinsamen Gott gebracht werden.

Fritz W. Rabe