Gehet hin in alle Welt

Gehet hin in alle Welt
und predigt
das Evangelium
aller Kreatur. Mk. 16,15

 

In den Winterferien haben wir mal wieder unsere Kinder in Leipzig und Umgebung besucht. Stets machen wir dann längere Spaziergänge und allerlei Beobachtungen. So fiel uns sofort die Baustelle auf. Die schlichte katholische Holzkirche aus den fünfziger Jahren und das kleine Pfarrhaus waren nicht mehr wiederzuerkennen. Auf Nachfrage erfuhren wir, dass die Kirche entwidmet und die Gemeinde aufgelöst sei. Junge Leute haben das Kirchengelände gekauft; eine Lagerhalle für einen Internethandel soll entstehen. Im ehemaligen Pfarrgarten werden dann LKW beladen.

Nach 50 Jahren ist die örtliche christliche Gemeinde zu klein, die Betriebskosten sind zu hoch. Zukünftig müssen die Leute zum Gottesdienst 12 Kilometer weiter in die nächste Kirche fahren.

Bloß gut, dass ich so einen Kirchenverkauf noch nicht erleben musste. Immer war es bisher irgendwie weitergegangen. Und jetzt mit der neuen „Nordkirche“ haben wir auch erst mal wieder Spielraum bekommen; sind personell und finanziell vorerst abgesichert. Aber es sieht auch bei uns mancherorts bescheiden aus: Die durchschnittlich wenigen Leute im normalen Gottesdienst, die Handvoll Konfirmanden, die seltenen Trauungen, die gegenüber den Taufen deutlich häufigeren Beerdigungen, die immer wieder auch zu verzeichnenden Austritte.

Der Monatsspruch für April (Mk 16,15):„Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur“ erinnert uns an unseren Auftrag als Christen: „Geht hin - geht los - bewegt Euch!“. Manchmal ist das ja schon viel, hinzugehen zu denen, die neben und mit uns leben. Einfacher wäre es, dazusitzen und zu warten, dass sie kämen. „Besuche, Besuche, Besuche!“, so sagte es kürzlich eine Synodale auf einem Gemeindekolleg als eine Antwort auf die aktuellen gemeindlichen Herausforderungen.

Selbst Gemeindemitglieder wissen ja oft kaum mehr, dass sie zur Kirche gehören. Wie werde ich manchmal angestaunt, wenn ich überraschend zum Geburtstag gratuliere, und unsere Ehrenamtlichen im Besuchsdienstkreis: Wie geduldig erklären sie, woher die Gratulationskarte kommt!

Unsere Oststadt-Welt mit ihren 90% kirchlich Unberührten ist die totale missionarische Herausforderung, und wir werden immer neu danach suchen und fragen müssen, wie die Gute Nachricht von Gottes Liebe zu allen Menschen ihre Adressaten findet.

Predigen? Das könnte auch Zuhören sein. Predigen? Das könnte auch Tun und Helfen und Beistehen sein. Predigen? Das könnte auch das Suchen nach den neuen und zeitgemäßen Formen von Gemeinschaft, Zeugnis und Dienst sein.

Schlimmsten Falles müssten auch Abschiede gewagt werden von Vergangenem, um dem Gegenwärtigen und Zukünftigen besser und erfolgreicher gerecht zu werden: Von Gebäuden und Formen, von Methoden und Überzeugungen.

Es gibt ja nicht allzu viele ewige Wahrheiten. Entscheidend ist vielmehr, dass wir als Christen und als Gemeinden dem Auftrag Jesu folgen wollen und können, hinzugehen und die Lebensbotschaft des Retters so zu überbringen, dass sie ankommen und wirken kann.

Christian Finkenstein